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10 Minuten Lesezeit (1975 Wörter)

Der letzte Wille eines Freundes

Der letzte Wille eines Freundes

Die Arena im Grazer Bergland ist wohl eines der geschichtsträchtigsten Klettergebiete Österreichs. Hier wurde mit dem „Zeitgeist" 1984 die erste 8a der Alpenrepublik geklettert und zwei Jahre darauf mit „Phallus Dei" wohl auch die erste 8b.

In diese Epoche fiel aber auch die Erschließung des „Sandlerkönigs". Eine 8a+ deren Schlüsselstelle erst weit oben, knapp unter der Kette, zu finden ist. Bis dorthin ist die Kletterei vergleichsweise gemütlich: achtzehn, großgriffige Klettermeter führen durch den Überhang zu einem Loch knapp unterhalb dem Beginn der Hauptschwierigkeiten. Dieses Loch wurde zu Anfangszeiten als willkommener Rastpunkt verwendet indem man zur Gänze hineinkletterte und sich so prima ausrasten konnte. Das anstrengende Herausklettern aus dem Loch machte den Erholungseffekt aber postwendend zunichte und in letzter Zeit wird der Rastpunkt in dieser Form nicht mehr verwendet. Der untere Teil der Route, bis zu diesem Loch, etablierte sich aber als hervorragende (und sehr beliebte) Aufwärmtour im unteren achten Grad.

Das Felsloch selbst aber spielt nun die Hauptrolle in einer Geschichte die so wohl (hoffentlich) nie passieren wird.


Der letzte Wille eines Freundes.

Mein Abgang von dieser Welt kam überraschend. Um ehrlich zu sein – ich bekam es anfänglich gar nicht richtig mit und erst als ich mich , wie bei google earth , aus dem Weltall kommend wieder der Erde näherte , dämmerte mir, dass etwas in meinem Leben schiefgegangen sein musste.

War es anfänglich die Erdkugel der ich mich mit rasender Geschwindigkeit näherte, so engte sich das Ziel mit jeder Sekunde mehr ein.

Europa.

Österreich

Steiermark

Und kurz darauf befand ich mich nur mehr wenige Meter oberhalb des Parkplatzes am Eingang zur Bärenschützklamm. Geräuschlos wie ein Engel kam ich in der Luft zum Stillstand. Es musste ziemlich früh am Morgen sein denn der Parkplatz war, bis auf wenige Autos, noch leer. Ich beugte mich vor um besser sehen zu können und erkannte, dass es sich ausnahmslos um die Vehikel meiner besten Freunde handelte. Seltsam dachte ich bei mir. Wie lange mag es wohl her sein, dass wir alle sieben beisammen waren? Früher waren wir eine eingeschworene, richtig unzertrennliche, Truppe. Aber im Laufe der Jahre hatte sich dann vieles geändert. Jeder von uns wurde sesshaft. Jeder gründete eine Familie und ein Zusammentreffen fand schließlich nur mehr bei runden Geburtstagen statt. Freilich, dem Klettern und Bergsteigen blieben wir alle weiterhin treu aber die komplette Gruppe kam nie mehr zusammen. Jetzt war einer der seltenen Momente an dem die Mannschaft vollzählig war. Hatte jemand von uns Geburtstag?

Den wirklichen Grund erahnte ich erst als mein Blick auf W.`s VW Bus fiel. Die Heckklappe des Fahrzeugs war hochgeklappt und bei genauerem Hinsehen erkannte ich im Inneren einen Eichensarg. Jetzt erst wurde mir klar, was da vor meinen Augen passierte. Ich, als siebtes Mitglied der Crew, lag wohl dort in der Kiste.
Ich erinnerte mich nun auch wieder an eine Begebenheit, die ewig lange zurücklag:
Am Abend nach einem gemeinsamen Klettertag in der Arena und einigen darauffolgenden Bieren, war damals das Thema Ableben auf den Wirtshaustisch gekommen. In alkoholbeeinträchtigter Laune hatte es allerhand skurrile Ideen gegeben und irgendwann war ich an die Reihe gekommen, meinen Vorschlag vorzubringen.

„Ihr kennt doch" hatte ich zu den Leuten gesagt „das Loch im Sandlerkönig. Wo man in achtzehn Meter Höhe, kurz vor Beginn der Schlüsselpassage, zu Gänze hineinschlüpfen und einen No-Hands Rest einnehmen kann. Dort soll mein Sarg rein." Ich hatte lauthals gelacht, als ich mir bildlich vorstellte, wie sich ein hoffnungsfroher Kandidat für die Route gerade daranmacht, sich in den No-Hands Rest zu manövrieren und draufkommt, dass die Platzverhältnisse nicht mehr so sind, wie gewohnt. Meine Freunde hatten schallend mit= gelacht. Wir hatten eine weitere Runde Bier geordert und den makabren Gedanken weitergesponnen. Er hatte in W.`s Überlegung gegipfelt, dass das Loch nicht ausreichend tief sein würde und der Sarg deshalb zur Hälfte herausstehen würde. „Wir könnten uns dann draufsetzen" hatte er gesagt. „Wäre prima zum Rasten".

Meine Freunde hatten diesen Abend nicht vergessen. Und jetzt, als es soweit war, setzten sie meine tiefschwarze Idee in die Tat um.

Jetzt erst fiel mir auf, dass doch mehr Jahre ins Land gezogen sein mussten, als ich mir das gedacht hatte. Alle der unter mir Anwesenden schienen weit in ihren Achtzigern zu sein. Dennoch - alle waren sie noch ganz eindeutig zu erkennen. Auch wenn sie ergraut oder gar kahlköpfig waren und ihre Staturen dem eines durchtrainierten Kletterers nicht einmal mehr ansatzweise ähnelten. Die La Sportiva Powershirts von früher waren dicken, karierten, Holzfällerhemden gewichen, die das Kreuz schön warmhalten und anstelle von Gürteln wurde bei den meisten die Hose mit Hosenträgern in der richtigen Position gehalten. Manch einer von ihnen trug einen Hut und bei einem sah ich sogar einen Gehstock. Sonst aber war alles so wie immer.

Gemeinsam zerrten sie den Sarg aus dem Bus und stellten ihn am Schotter ab. „Ich nehm Seile und Karabiner" bot C. an. „Ich Bohrmaschine und Akkus" kam W.`s Antwort während er den Bus abschloss. Jeder von den sechs Freunden fand irgendetwas Wichtiges zu tragen. „Und wer schleppt den Sarg?"

Betretens Schweigen.

„Ich hab mir gestern das Kreuz verrissen" sagte B II. „Also ich greif da nicht hin". „Na toll" W. hängte B II. den Rucksack mit der Bohrmaschine um. „Immer dasselbe mit diesen Bürohengsten. Einmal anpacken und schon tun sie sich weh." B II. warf ihm einen giftigen Blick zu.

„Also" sagte W. und stellte sich breitbeinig vor den Sarg „Wer hebt mit an?" B. löste sich aus der Reihe der Wartenden und stellte sich neben ihn. „R.! und E.!" Walter kommandierte wie ein General. „Jetzt tuts weiter. Sonst erwischens uns noch gleich da am Parkplatz. Und dann wars das. Dann nehmens uns den Sarg zum Schluss auch noch weg"

„Anheben auf drei"! Alle vier bückten sich.

„Drei!"

Die vier alten Knaben hoben an, ließen ihn aber in der nächsten Sekunde sofort wieder ächzend runter.

„Bist du deppert ist der schwer" R. stand gebückt da und rieb sich das Kreuz. Am Friedhof hatten sie den Kran in der Aufbahrungshalle zu Hilfe genommen und das Gewicht des Sargs war ihnen nicht wirklich aufgefallen. „Bis wir den in der Arena haben sind wir auch hin" sagte er. Ratlosigkeit machte sich in der Gruppe breit. C. war der Erste der überlegte, dass hier ein Traktor hilfreich sein könnte. Bis zur Brücke wärs dann erst einmal geschafft. Und weiter?

W. kam auf die Idee mit der Kunststofftrage von der Bergrettung. „Da wuchten wir den Sarg drauf und dann ziehen wir ihn durchs Bachbett in die hintere Arena."„Ziehen?"

„Ja ziehen!" W. war in seinem Element. Vor kurzem hatte er sein umfangreiches Equipment um einige spezielle Seilrollen erweitert und jetzt witterte er die Gelegenheit, diese Teile der staunenden Meute wirkungsvoll zu präsentieren. Er kletterte in den Bus um die Trage vom nahen Bergrettungsstützpunkt zu holen. E. und R. begleiteten ihn dabei. C. und B I. waren unterwegs um den Traktor zu organisieren und zurück blieb einsam und allein der Sarg am Parkplatz. Und B II. Der kam gerade vom Toilettenhäuschen zurück und wunderte sich doch sehr, dass er plötzlich mit der Truhe allein war. Suchend und ratlos blickte er sich um. Schließlich murmelte er „Cèst la vie" und setzte sich drauf.

Er blieb nicht lange allein. C. hatte in der Zwischenzeit H. den angrenzenden Bauern samt Traktor mobil gemacht und gemeinsam mit B I. tuckerten sie nun daher. H. rieb sich die Augen als er die Truhe im Schotter stehen sah. „Das darf doch nicht wahr sein" sagte er. „Ich dachte ihr macht Spaß.Sagts einmal spinnts ihr? Wie seid ihr denn überhaupt an die Truhe gekommen?" C. erzählte ihm wie sie in aller Herrgottsfrühe den Sarg aus der unverschlossenen Aufbahrungshalle entführten und mit W.`s Bus abtransportierten. H. konnte es nicht fassen.

„Die sperren euch noch alle ein für diese Aktion. Und mich gleich mit dazu weil ich euch auch noch dabei helfe". Kopfschüttelnd machte er sich daran den Sarg mit Rundschlingen an der Traktorschaufel zu befestigen. Es war eine Sache von wenigen Minuten und schon hatten sie die Brücke erreicht. Auch die Trage wurde vom Rest der Truppe angeschleppt.

Sie wurde von den Freunden zu Wasser gelassen und H. senkte mit der Traktorschaufel den Sarg ab. Das erste Stück des Weges war geschafft und was nun folgte wäre jedem Bergrettungseinatz würdig gewesen. Mit beispielloser Effizienz wurde eine Art Seilbahn gebaut. W. säbelte, mit seiner erst kürzlich gekauften Akku Motorsäge, ein paar im Wege stehende Bäumchen um und knapp eine Stunde später zogen sie das makabre Gefährt wie Klaus Kinski sein Schiff im Film Fitzcaraldo über den Erdwall bei der hinteren Arena. Es kippte über die Kante und pflügte durch den roten Lehm auf der anderen Seite hinunter. Mit einem dumpfen „Bonk" knallte es an den Felsen und kam zum Stillstand. Keuchend und schwitzend rutschten die alten Knaben nach und setzten sich, nach Atem ringend, hin.

Jetzt war es aber eindeutig Zeit für ein Bierchen. W. hatte an alles gedacht und schon prosteten die sechs einander zu und rauchten sich zur Feier des Tages eine Zigarre an. Es war tatsächlich wie in alten Zeiten. Die Jungs saßen in Rauchschwaden eingehüllt und sinnierten von früheren Tagen als sie jedes Mal zum Aufwärmen in das Loch hinaufkletterten. Viele, viele Male.

So steil habe er es aber gar nicht in Erinnerung, meinte R. während er das Stück Fels über ihm musterte. Hoch oben, über ihren Köpfen, war das Loch auszumachen. Und bis dorthin? Tatsächlich – der Fels hing ganz ordentlich über. Schweigend standen sie darunter und dachten wohl alle ungefähr dasselbe. „Zum Glück muss ich da jetzt nicht als Seilerster hoch". „Los geht's E.!" übernahm W. wieder das Kommando. „Schwing dich hinauf!"

„Geht nicht" antwortete dieser. "Meine Schulter! Ich krieg die Hand nicht hinauf" Er versuchte es vorzuführen und zuckte sofort mit schmerzverzerrter Miene zusammen. W. rief nacheinander die Leute auf und erntete bei jedem eine mehr oder weniger glaubwürdige Ausrede. Nicht zum ersten Mal an diesem Morgen machte sich Ratlosigkeit breit. Hatten sich die Männer überschätzt? Hatten sie Ihr Alter unterschätzt? Hatte ihnen die Erinnerung einen Streich gespielt? Sollte das Unternehmen im letzten Moment noch scheitern? Frustriert setzten sich alle sechs wieder in den roten Arenastaub.

„Das darf doch nicht wahr sein". Wieder war es W. der als Erster seine Sprache wiederfand. „Irgendwie müssen wir ja zum Loch hinaufkommen" sagte er und plötzlich hellte sich seine Miene auf. Er schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn „Na klar - Technisch. Wir klettern da ganz einfach technisch hinauf" Er schnappte seinen Rucksack und förderte alles Mögliche ans Tageslicht. Neben einer Akkubohrmaschine, verschiedenen Steigklemmen und Umlenkrollen zog er auch einen Clipstick heraus. Triumphierend hielt er ihn in die Höhe.

„Jetzt gibts Aktion Mogelstange" lachte er und schon war das Seil in den ersten Haken geklippt. Es dauerte tatsächlich nicht lange und er war 18 m höher und hielt die Kante des Loches in Händen. „Pffff" schnaufte er. „Ich hab kurz auch schon gedacht wir verreiben zum Schluss noch allesamt bei der Aktion".

Jetzt aber konnte nichts mehr den Erfolg des Unternehmens verhindern. Wieder kam die Routine der Jungs zum Vorschein. W. bohrte ein paar zusätzliche Bolts oberhalb des Loches in den Fels und wie bei einem Yosemite Bigwall begann er den Sarg aufzuhaulen während sich die Bodenmannschaft mit einem an der Truhe befestigten Hilfsseil dagegenstemmte um eine Kollision mit dem Fels zu vermeiden. Ein Griff an der Kante des Loches musste noch dran glauben und dann gelang es doch tatsächlich die Truhe in das Loch zu schieben. Zumindest fast. W.`s Bedenken stellten sich nämlich wirklich als berechtigt heraus und das Loch war nicht tief genug für das Teil. So saß er kurze Zeit später rittlings am Sarg und pustete den Bohrstaub vom Eichenholz. „Sitzt, passt und hat Luft" lachte er. „Und prima rasten lässt es sich hier auch".

Er machte sich daran abzuseilen als er plötzlich innehielt. „Seid's einmal ruhig!" rief er zu den Jungs hinunter die sich gerade zur gelungenen Aktion zuprosteten. „Ich hör da was"

W. legte sein Ohr auf die Truhe und horchte angestrengt. „Er redet mit mir. Ich glaub er lebt noch!" rief er. „Was sagt er?" rief C. der sich als erster von der unerwarteten Situation gefangen hatte, nach oben. Wieder horchte W. angestrengt. „Jetzt hab ich`s verstanden!" „Und? . Was hat er gesagt?" „Mit dem guten Rastpunkt ist`s sicher keine 8a+ mehr"

Ort (Karte)

8131 Mixnitz, Österreich
Die Wahrnehmung der Zeit und Fontainebleau
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