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Gerhard Schaar - 100facher Erschließer, Kletterführerherausgeber

100facher Erschließer, Kletterführerherausgeber - Gerhard Schaar - Heimatverbundener Tausendsassa aus dem Maltatal.

Zu Beginn einmal Hardfacts zu deiner Person. Du bist wie alt und Kletterst seit wann? Und aus der Summe dieser beiden Zahlen hast du die Anzahl der Wörter, mit denen du dich nun maximal beschreiben darfst:
Ich bin 41 und klettere seit 24 Jahren. Ich denke ich bin bodenständig aber sehr tolerant, enorm offen aber gleichzeitig traditionell, denke nachhaltig und versuche immer ein „Gesamtbild" im Auge zu behalten.

Du kletterst seit mehr als der Hälfte deines Lebens und hast dabei sehr viel von der Welt gesehen. An deinen Aktivitäten sieht man, dass es dich stets ins Maltatal zurück zieht. Was ist der Grund dafür?
Es ist mir selber ein Rätsel, aber es stimmt haargenau. Ich fühle mich mit meiner Heimat enorm verbunden, insbesonders mit der Natur. Es gibt hier einen Vibe, eine Schwingung, ein Karma dass mich immer wieder in seinen Sog zieht. Und es ist die Möglichkeit in einer doch sehr engstirnig denkenden Region etwas auszusagen. Viele Kletterer haben mein Engagement mit Egoismus oder Narzismus verwechselt, es geht nicht um den Schaar Gerhard, es geht um das Klettern, darum, dass wir aus unserer Heimat viel mehr - in einem nachhaltigen Sinn – machen können. Z.B. dass jemand wie ich nicht nach Tirol auswandern muss, sondern zuhause bleiben kann weil es eine wirtschaftliche Grundlage gibt.

Nach deinem Studium hast du erst einmal den größten Teil deiner Zeit mit Reisen und Klettern verbracht. Häufig scheitern solche Vorhaben an Zeit und Geld. Wie gelang es dir diese Vorhaben umzusetzen?
Das ist so nicht ganz richtig. Ich habe 5 Jahre gearbeitet bevor ich zum Reisen anfing. Da habe ich gut verdient aber immer als „bescheidener" Kletterer gelebt, folglich konnte ich mir etwas Geld sparen. Aber über das „um die Welt fahren" haben viele ein komplett falsches Bild. Das ist keine Luxusreise. Bei meiner 1. Weltreise habe ich mich von der Sozialversicherung abgemeldet, mein Auto ruhend gemeldet, usw. , also kostenseitig komplett runtergefahren. Dann musst du beim Reisen selbst jeden € doppelt umdrehen, bzw. bereist du bewusst billige Länder wie Indien oder Thailand. Und wenn es mal in „teure" westliche Länder geht, dann lebst du ein extrem einfaches „climbing bum" Dasein. Illegal Campen wie im Camp4, superbillig wie für € 2,- am Tag am Mt. Arapiles in Austrialien oder überhaupt kostenlos im Busch wie in Canada. Und wenn du dir ein Auto kaufst, dann weil du es wieder verhökerst und mit irre wenig Kosten davon kommst. Das ist nicht immer lustig, aber du bist wunderbar frei. Was ich mir für mein weiteres Leben mitgenommen habe, ist wie einfach man leben und dennoch happy sein kann. Später habe ich dann Vorträge über meine Reisen gemacht, hab all mein Material gratis bekommen. Und wie es der Zufall wollte habe ich mit meiner Website über die 1. Weltreise einen Internet Contest gewonnen, bei welchem der 1. Preis ein Reisebudget von € 5.000,- war. Da musste ich natürlich nicht lange überlegen und war schon wieder im Flieger....

In deiner Kurzbiographie auf deiner Homepage schreibst du, dass du bei diesen Reisen zu deinem wahren ICH zurückgefunden hast. Wie würdest du dieses ICH beschreiben?
Kindlich, spielerisch, die Welt bestaunend, einfach im Moment lebend, neugierig auf neue Länder Kulturen und Freundschaften. Das wahre ich ist etwas das unter unserem Ego verborgen liegt. Erst wenn dein Ego, wie z.B. in Indien nichts mehr zählt, versteht du dass es einen Menschen hinter all den angelernten Erwartungen, hinter dem Familien Beziehungsgeflecht, hinter den von der Gesellschaft indoktrinierten Ängsten, hinter den sozialen Zwängen gibt. So etwas in die Richtung ist für mich das wahre ICH. Irgendwo in der Sonne sitzen und das Gefühl haben dass man nur mehr sich selbst ist, ohne den ganzen Müll von außen und mit einem distanzierten Blick auf sein Ego.

Geschniegelt und gestriegelt im Anzug zur Arbeit, so fühlst du dich anscheinend aber doch im legeren Kletteroutfit am wohlsten. Wohnhaft im Klettermekka Innsbruck, in der Freizeit aber die meiste Zeit im Maltatal… Du vereinst unterschiedliche sehr konträre Lebensstile in dir. Wie gehen die zusammen, ergänzen oder reiben die sich, beziehungsweise was sagt dein ICH dazu.
Nur von außen betrachtet sind es zwei Lebensstile, für mich aber ist das mein Lebensstil. Ich fühle mich nicht gespalten, sondern stehe natürlich wie jeder andere in unserer Gesellschaft vor der Herausforderung „sein Ding" durchzuziehen. Mag vielleicht von außen komisch aussehen, aber für mich ist es eben was ich für die richtige Balance aus Freiheit und sozialer Absicherung, aus Spaß und Herausforderung bei der Arbeit bzw. der Freude beim Klettern, und aus der „straighten" Tätigkeit im Marketing des Casino Seefeld und dem „mentalen Herumstreunen" beim Erschließen, Neuland erkunden und Klettern im Maltatal.

Nebst deinen Kletterleistungen bist du vor allem auch für deine Tätigkeiten als Routenerschließer bekannt. Wie viele Routen gehen auf dein Konto? Welche war für dich die schönste, welche die herausfordernste, welche die die dich am meisten geärgert hat, und weshalb?
Hmm, ich denke es werden so an die 400 Seillängen sein die eingerichtet habe, 300 davon im Maltatal, so genau weis sich das aber nicht, ich habe sie nie alle aufgeschrieben. Die Frage nach der schönsten Route kann ich nicht beantworten, denn es gibt nur unterschiedliche Routen. Es gibt ein paar die ich enorm ästhetisch finde, es gibt welche die ich einfach genial vom Fels her finde, manche wieder wie sie zu klettern sind. Aber eine schönste Route, das kann ich nicht sagen. Die schwerste im Maltatal wird „Mia, Mia" sein, wie schwer können nur Wiederholer sagen, aber leichter als 8b wohl nicht.

Bei der herausforderndsten tu ich mir schon leichter, denn dass ist im Maltatal für mich „Crossing the Jordan". Direkt in einer kleinen Schlucht beim Hochsteg gelegen muss da alles passen. Das Wasser muss nieder sein (wegen der sonst nassen Griffe am Einstieg), es muss kühl aber nicht kalt sein, und du must sehr fit sein, die Route wird irgendwo um 8a+/8b einchecken. Obwohl ich jedes Jahr bis zum entscheidenden Zug komme, ist mir eine Begehung noch nie gelungen. Also 2016 wieder auf ein Neues!
Und jene Route, die mich am meisten geärgert hat ist nicht von mir, sondern von jemand anders. Sie hatte einige geschlagene Griffe, und ich konnte sie ohne diese Griffe klettern und sie wurde dadurch nicht einmal schwerer. Das war ganz schwer damals das zu „verkraften", das jemand überhaupt Griffe schlägt und dann so etwas. Zum Glück haben wir in der Klettercommunity dieses Kapitel ad acta gelegt und ziehen heute alle an einem „no chipping" Strang.

Nach langem Warten ist endlich dein Maltatalkletterführer heraus gekommen. Was waren die Schwierigkeiten bei diesem Projekt und was rätst du Erschließern was sie zu beachten sollten?
Am Beginn des Projektes waren es ganz klar die nicht gelösten Zugangsproblematiken, so von 2010 bis 2012. Der Zugang zu Gebieten wie dem Schleierwasserfall oder das Kolosseum waren nicht durch Gestattungsverträge geregelt. Somit war eine touristische Nutzung bzw. sinnvolle Publikation nicht möglich. Als dann im Grunde im Jahr 2014 alle Fragen geklärt waren, war es für den österreichischen Verlag – mit dem ich das Projekt umsetzen wollte - immer noch nicht ausreichend. Ich denke dort befürchtete man immer noch mögliche rechtliche Konsequenzen seitens eines Grundbesitzers. Das war der Punkt wo ich dann zum befreundeten Panico Verlag gewechsalt bin, wo alles ruck zuck in sechs Monaten über die Bühne gegangen ist.

Die Lehre die wir als Klettercommunity im Tal, bzw. ich als Erschließer und Führerautor gezogen haben ist ganz klar. Sofern eine touristische Nutzung, oder eine Aufnahme in eine Publikation angedacht wird, führt einfach kein Weg daran vorbei, sich im Vornherein um einen Gestattungsvertrag zu bemühen. Alles andere ist kontraproduktiv bzw. enorm mühselig und anstrengend. Wir haben im Maltatal z.B. drei ganze Klettergärten abbauen müssen, weil sie nie in ein geordnetes Pachtverhältnis übergeführt werden konnten. Alles sinnlose Energie, Zeitverschwendung und Kosten.

Wir müssen uns bei der Gemeinde und dem Bürgermeister bzw. dem ÖAV Sektion Gmünd und dem Hauptverein in Innsbruck bedanken, dass wir den Bestand einmal abgesichert haben und auf dieser Basis gut weiterarbeiten können.

Und weiters dass es besser ist bei einem ausländischen Verlag anzudocken, weil jier total sinnlose Bedenken und Debatten einfach gar kein Thema sind. Dort konzentriert man sich auf das was wesentlich ist, eine saubere Publikation. Und man vertraut dort darauf, dass man als Autor und „Haupterschließer" genau weiß was publiziert werden kann und was nicht.

Was ich allen anderen Autoren anrate ist sich Gedanken zu machen, wie man aus seinem Kletterführer „mehr" machen kann. Ich meine damit z.B. das solidarische Verhalten aus Autor gegenüber der Klettercommunity. Ich verkaufe den Kletterführer ja über meinem online Shop www.rockstore.at und verwende zum Beispiel einen Teil des Einnahmen bzw. des Autoren Honorars um neue Linien einzurichten. Die Klettercommunity kauft bei mir meinem Führer, dafür gibt es wieder neue Routen. Das ist doch ein prima miteinander, dass aber leider nicht überall so gehandhabt wird.

In deinem Kletterleben hast du ja sicher auch einmal Fehlentscheidungen getroffen, die du bereut hast. Welche zwei Entscheidungen würdest du gerne rückgängig machen und sag jetzt bitte nicht, dass du schon früher den Verlag hättest wechseln sollen.

Hinsichtlich dem Klettern bereue ich, dass ich nicht gleich in Innsbruck studiert habe. Und vielleicht, dass ich bei meinen Weltreisen nicht nach Südamerika oder in die Rocklands gereist bin.

Du bist Lehrbeauftragter der ÖAV Akademie für Einbohrkurse, dein Webshop ist spezialisiert auf Einbohrartikel und du bietest Einbohrkurse. Man sieht unweigerlich, deine Passion ist die Erschließung von Klettergebieten. Aber was genau kannst du hier bieten?
Mein Onlineshop www.rockstore.at ist ein kleines start up mit dem Kundenvorteil, dass man alles zum Einbohren rasch aus einer Hand zu einem super Preis bekommt. Von der Drahtbürste, Bohrer, Ausbläser, Bolts, Laschen, Schraubenschlüssel, Kleber, Haulbags, Schutzbrillen, etc. etc.,

Mit einer einzigen Bestellung hat man alles beieinander, spart Zeit und auch Kosten. Dabei hat man eine enorm große Auswahl an Produkten die es woanders gar nicht gibt, wie z.B. die speziellen langen Kettenstände, Klebehaken in allen Längen für alle Felsarten und Felsqualitäten. Ich habe das mit Abstand tiefste und gesamtheitlichste Sortiment für Einbohrartikel in ganz Europa.

Und man kann mich jederzeit anrufen, was sehr viele Kunden machen. Ich stehe mit meiner langjährigen Erfahrung und Kompetenz für alle Fragen zur Verfügung und das schätzen mittlerweile sehr viele Erschließer die bei mir bestellen.

Ich bin ja auch Lehrbeauftragter in der ÖAV Akademie und bringe nicht nur praktisches, sondern auch umfassendes theoretisches Wissen ein. Bei mir bekommt man nicht nur die Produkte, sondern auch das entsprechende know how.

Und wer selber zum Sanieren oder Erschließen schreiten will, der kann bei mir auch „Einbohrkurse" absolvieren. Ab 4 Personen können Gruppen in einem 2 ½ Tag langen Kurs erlernen wie man mit Klebehaken und Expansionshaken Routen saniert bzw. einrichtet. Da ist ein kurzer theoretischer Teil und dann zwei praktische Arbeitstage. Terminanfragen kann man ganz einfach an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! senden.

Deine Zukunft am Fels, als Kletterer wie auch Erschließer: was sind deine Ziele für die nähere Zukunft und Träume für die ferne Zukunft?
Ich versuche immer mehr beim Klettern einfach im Moment zu sein. An dem Tag, in der Route, bei dem Zug...Und ich genieße es immer mehr mit den „richtigen" Freunden unterwegs zu sein. Meine Träume als Kletterer wären etwas mehr Zeit unterm Jahr für dieses Hobby zu haben und eventuell einmal ein Set up zu finden, mit dem es sich einrichten ließe regelmäßig wieder längere Reisen zu machen.

Im Maltatal warten noch einige ganz coole alpine Linien darauf geklettert zu werden, und es wird sicher das eine oder andere Projekt auf mich warten. Ich wünsche mir, das ich die Freude am Klettern nie verlieren werde. Denn es hat mich schon sehr oft und sehr lange im Leben begleitet und getragen. Das ist eine große Gnade so etwas zu finden, und ich bin jeden Tag dankbar dafür.

Montieren eines Hangboards
Einbohrmeisterschmiede im Maltatal

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Sonntag, 04. Dezember 2016
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