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Bergzeit.de

Carinthische Tage

Langsam aber stetig begann der Wagen nach links zu driften.An diesem drückend heißen Frühsommertag auf der Wörtherseeautobahn war Seppl, am Steuer seines weinroten Audis wohlgemerkt, wieder einmal eingepennt. Sachte griff ich ins Lenkrad um die Kiste wieder in die Spur zu bringen.

Seppl und ich waren ein eingespieltes Team. Zu dieser Zeit waren wir oft gemeinsam zum Klettern unterwegs. Ich arbeitete im Lavanttal und Seppl auf seinem Bauernhof in Grafenstein. Oft holte ich ihn dort am frühen Nachmittag ab und nach Reindling und Kaffee (ohne Jause ließ uns seine Mutter nicht vom Hof) machten wir uns auf den Weg.
Dr. Kurt Ostbahn aus dem Autoradio und coole Sonnenbrillen gehörten ebenso dazu wie das vorhin erwähnte Szenario. Finkenstein - wir kommen. Der langgezogene Felsriegel war erst einige Jahre zuvor von den Steirern Robert Kerneza, Hias Leitner und Christoph Grill entdeckt worden und gerade im Begriff erschlossen zu werden. Es gab einige, verglichen mit heute, wenige Routen aber schon damals war klar, dass es sich hier um etwas ganz Besonderes handelte.

Schon mein erster Besuch, hoch oben über der Napoleonwiese ließ mir den Mund offen stehen. Ich kannte Arco, war in der Fränkischen geklettert und in Buoux und ich wusste wie Felsen europäischen Formats aussahen. Und diese überhängende Welle aus feinstem, versintertem, Kalk gehörte definitiv in diese Liga. Seppl hatte sein Projekt mit Mailüfterl im unteren Wandbereich gefunden während ich, ziemlich am oberen Ende der Wandflucht, das Meine gefunden hatte: Die weiße Gams. Kurz, hart, technisch. Und mit 7b+ nicht gerade üppig bewertet. (Mittlerweile ist sie als solide 7c bekannt was mich aufrichtig freut).

Gleich beim ersten Mal ausbouldern hatte ich das Gefühl, dass es sich hier um eine Route mit einem,für mich, hohen Liegefaktor handeln könnte. Die ersten paar Meter sind athletisch aber durchaus machbar. Die folgende Rechtstraverse mit dem Zweifingerloch war ganz augenscheinlich die Crux und die abschließende Platte machte mir keine Sorgen. Plattenklettern konnte ich. Ein ums andere Mal fuhr ich in diesem Sommer am Wochenende nach Oberaichwald und checkte bei Marianne und Christian ein. Stets waren beste Freunde mit dabei. Grille und Walter aus der Steiermark. Godi reiste aus Murau an und manchmal waren auch Aki und Ilka, die beide später in der Ralleywelt Erfolge feierten, mit am Fels. Oft, am späten Nachmittag, kam Seppl nach der anstrengenden Feldarbeit nach. In der Zwischenzeit hatte er das Mailüfterl längst abgehakt und kletterte nun eine 7c nach der anderen.

Ich kletterte keine 7c nach der anderen. Genau betrachtet kletterte ich nicht einmal die weiße Gams sondern fiel ein ums andere Mal beim Versuch meine Finger in das Zweifingerloch zu stopfen. Allmählich sprachen sich meine erfolglosen Bemühungen in der Kärntner Kletterwelt herum. Es schlug mir eine Welle der Sympathie und der Anteilnahme entgegen. Ich liebe Kärnten, ich liebe Mariannes Frühstücksbuffet und ich liebe Giuseppes Pizza Hawaii. Die weiße Gams hatte ich zu dieser Zeit weniger lieb auch wenn die Anzahl der Versuche auf ein inniges Verhältnis schließen ließen. Als ich mit Grille im September für 3 Wochen nach Ceüse aufbrach hatte ich exakt 24 Versuche an dem ominösen Zweifingerloch begraben. Ceüse ist Weltklasse aber nach 2 Wochen drehten sich unsere Gespräche am Campingplatz immer öfter um den Faakersee.

Wir träumten von Mariannes Frühstück, von den wagenradgroßen Pizzen bei Giuseppe. Heimweh machte sich breit. Als das erste Mal die weiße Gams in unseren Träumereien auftauchte begannen wir zu packen. Es war Anfang Oktober in Kärnten. Ein Bilderbuchherbst mit stahlblauem, wolkenlosem Himmel. Die Verhältnisse in Kärnten so gut wie seit Monaten nicht. Meine Versuche jedoch endeten immer noch an derselben Stelle. Erst am letzten Tag unseres Urlaubes bekam ich das Zweifingerloch zu fassen. Mit der linken Hand überkreuzte ich zum Aufleger. Vorsichtig schob ich mich nach rechts und ließ mich in den Untergriff fallen. Just in dem Moment waren 2 Individuen zur falschen Zeit am falschen Ort. Zum einen war das ein Weberknecht der es sich auf einem, für mich entscheidenden, Tritt gemütlich gemacht hat. Zum anderen war das ich, der auf ebendiesen Weberknecht trat. In diesem Moment begrub ich all meine Hoffnungen auf den erlösenden Durchstieg. Der Weberknecht wurde indes gleich als Ganzes begraben.

Ich fiel.

Der, nach ausgiebiger Pause, folgende Versuch Nr. 28 brachte mich erneut über die Crux. Ich ließ mich mit rechts in den Untergriff fallen, schob mich am toten Weberknecht vorbei und erreichte den Rastpunkt. Nun lag nur noch die Platte zwischen mir und der begehrten Kette. Plattenklettern konnte ich. Wieder einmal verwettete ich meine Großmutter, dass es nun klappen würde. Wohl wissend, dass Oma zu solchen Gelegenheiten schon des Öfteren den Besitzer wechseln musste. Von wegen Plattenklettern konnte ich! In einem Schleudertrauma epischen Ausmaßes näherte ich mich Zug um Zug der ersehnten Kette. Jedes Mal wenn ich wegzukippen drohte blieb ich im allerletzten Augenblick doch noch an irgendeinem Zäckchen hängen. Schließlich klippte ich die Kette. Mir wurde schwarz vor Augen. Schwarze Gams erschien mir in diesem Fall ein eindeutig passenderer Routenname zu sein.

Ein Jahr später kletterte ich die Gams noch einmal. Ohne aufzuwärmen stieg ich ein. Noch jetzt habe ich das Knirschen meiner Fingergelenke im Ohr. Das Zweifingerloch erwischte ich auf Anhieb und meine skeptische Ausschau nach Weberknechten blieb ohne Ergebnis. Letztlich trennte mich nur noch die Platte von der Kette. Lange schüttelte ich meine Arme am Rastpunkt aus.

Einmal noch atmete ich durch. Dann begann ich zu tänzeln. Plattenklettern konnte ich.

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