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Der Tag, an dem wir fast die "Indian Summer" geklettert sind

Am Vatertag planten Tom und ich einen gemütlichen Klettertag in alpinem, aber gut abgesicherten Ambiente. Da wir jetzt nicht so auf mehrstündige Zustiege stehen und uns ausschlafen auch heilig ist, waren die Ziele eh eingeschränkt.
Die Wahl fiel schließlich auf die 10 Seillängen der "Indian Summer" an der Leobner Mauer, die so auf unserer Kletterlandkarte noch nicht aufgetaucht war.

Tom's Fahrstil bringt uns in weniger als einer Stunde nach Vordernberg, was sich positiv auf die Zeiteinteilung auswirkt, schließlich rechne ich insgeheim mit etwas "verkoffern" beim Zustieg, weil so richtig Plan wo der Einstieg sein soll haben wir beide nicht.

Ausgestattet mit Topo und AV-Karte machen wir uns auf den Weg und Tom legt ein ordentliches Tempo vor, das an seine Zeit als Bundesheerbediensteter erinnert. 500 Höhenmeter sind aber kein Lärcherlschaß für uns Ü30-Bürositzer-Biertrinker-Freizeitraucher, und so schnaufen wir uns Richtung Handalm und weiter Richtung Leobner Mauer. Die Zustiegsbeschreibung ist sehr detailliert, auch ungewöhnliche Angaben wie "zwischen 2 großen Lärchen hindurch, danach 15 Höhenmeter über steile Wiese absteigen" finden wir noch. Als die Mauer vor uns auftaucht heißt es "eine steile Wiese hinauf" - und die hat es wirklich in sich. Dumm und schwitzend wie Tiere steigen wir den Berg hinauf, bis wir zu den Latschengassen kommen. Die nur keine Gassen beinhalten sondern einfach undurchdringlich sind. Also außen herum und wir treffen auf gelbe Markierungen und Steinmännern.

Im Topo stand doch etwas von Steinmann, wir sind schon richtig! Also folgen wir am Fuß der Wand Steinmann um Steinmann und gelber Markierung um gelber Markierung, außerdem sehen wir die ganze Zeit Steigspuren. Ich bin richtig erstaunt über unser alpines Gespür bei Zustiegen. Im Topo steht zwar nichts davon, dass wir bis an das rechte Ende der Mauer gehen müssen, aber egal. Jedenfalls finden wir den Einstieg mit einem gelben Kreis markiert und die Bohrhaken in vorbildlichen Abständen glänzen uns entgegen.

Wir jausnen und genießen die Ruhe, und die Geräusche der Motorradfahrer von der Bundesstraße. Danach seilen wir uns an und ich übernehme den Vorstieg. Die erste Seillänge war laut Topo eine 4-. Das da ein Riss war, wo im Topo keiner war ließ mich nicht weiter zögern, mir kam's nur ziemlich schwer vor. Und auch ziemlich lang für 25m, aber als Sportkletterfuzzi und Boulderer kann ich Seillängen eh nicht einschätzen. Erst als ich beim Stand ankomme und das Seil nachziehe realisiere ich, das ich 45m gegangen bin statt 25. Komisch kam mir das nicht vor, vielleicht war ich ja schon beim 2. Stand? Egal, Tom nachsichern und ihm das KlimBim (wir hatten auch ein kleines Set Stopper und mittlere Friends mit) anhängen.

Tom steigt die zweite Seillänge vor und ja, der Fels ist nicht gerade superkompakt oder abgeklettert sondern manchmal ziemlich brüchig und kurz vor dem Stand erschallt zuerst ein lautes "STEIN" und dann ein dumpfes "KLONG". Glücklicherweise bleibt das 2-Faust große Ding irgendwo hängen, aber mein Herzal hat einen kleinen Hüpfer gemacht. Hosenscheißer der ich nun mal bin bei Steinschlag.

Ich schließe kurz darauf zu Tom auf und wir müßten eigentlich vor einer 5- Stelle stehen. Stattdessen geht eine abfallende Rampe nach links und dann eine einfach aussehende Platte links von uns nach oben. Wir rätseln bei welchem Stand wir jetzt sind, Ist das der zweite? Von dem diese komische blaue Linie (Umgehungsmöglichkeit vielleicht?) weggeht? Oder vielleicht doch schon beim 3. oder 4. Stand? Vor uns ist jedenfalls keine 5er Stelle und schon gar nix eingebohrt. Ich beschließe aber gerade weiterzuklettern. Hab eh das mobile Zeugs mit und sonst muss ich es halt wieder abklettern.


Über brüchiges 1-3er Bruch-/Schrofengelände klettere ich vorsichtig nach oben und schon bald sehe ich wieder glänzende Haken vor mir. Ich lege eine Bandschlinge um ein Köpfel und binde sie ab, kann noch einen Friend anbringen und schaue das ich Meter mache und einen Stand sehe ich auch schon. Kurz vor dem Stand höre ich "SEIL AUS" - 60m war ich unterwegs, es geht sich gerade noch zum Stand aus und ich hole Tom nach. Wir haben keinen Plan wo wir laut Topo sein sollen, die Wanderer sehen uns vom Aussichtsbankerl zu und ich denk' mir "scheiß drauf, ist eh eingebohrt, wir klettern einfach da aufi".

Nachdem Tom seinen Vorstieg absolviert hat, sind wir schon fast oben. Wir scherzen beide, dass wir die Route optimiert haben und aus 10 Seillängen viel weniger gemacht haben. Ich steige wieder vor und auf halbem Weg finde ich das Routenbuch.

"Hufeisenkante" - so heißt die Route also und deswegen hat das Topo auch nie gestimmt, und ich vermutete schon einen sehr untalentierten Topozeichner. Jedenfalls, laut Routenbuch, haben wir die 4. Begehung verbucht, und ich hab' natürlich auch reingeschrieben, das wir die ganze Zeit dachten die "Indian Summer" zu klettern.

 Kurze Zeit später kläre ich auch Tom über unseren Irrtum auf. Lustig war's, die Wanderer blicken bewundernd zu uns herüber und wir gehen den kurzen Weg noch zum Gipfelkreuz der Leobner Mauer wo Müsliriegel und eine Gipfelzigarette auf uns warteten.

Jetzt kann man natürlich sagen "zwei handfeste Deppen, die sollen in ihrem Grazer Bergland bleiben wenn sie weiter oben nix finden" - aber ich dachte mir, ich schreibe es als Beispiel dafür, wenn die Route mit dem Topo nicht übereinstimmt dann sollte das einem doch zu denken geben.
Der Einstieg war übrigens 5+ und nicht 4-, und schon da hätte ich merken müssen, das etwas nicht stimmt. Dann die angegebenen Seillängenmeter die nicht stimmten, die Stände an den falschen Orten, der Routenverlauf, das nicht eingebohrte Raufhirschen über brüchiges Gelände, das Wiederfinden und die Routenlänge die plötzlich nur mehr 5 Seillängen statt 10 hatte. Jeder Punkt war ein  Alarmzeichen, das für sich genommen schon ein ernsthaftes Anzeichen eines Verhauers war.

Wieso wir wie Dumpfbacken einfach weitergeklettert sind?
Es war gut abgesichert, das Kletterniveau von uns beiden war auf jeden Fall mehr als ausreichend, das Wetter war stabil und im Zweifelsfalle hätten wir Material zurückgelassen oder wären links oder rechts der Kante in Schotter- oder Schrofengelände ab- oder aufgestiegen. Es hätte auf jeden Fall einen Plan B gegeben und außerdem waren dermaßen viel Wanderer unterwegs, die hätten Hilferufe sicher gehört.

In der Hochschwab-Südwand hätte das natürlich anders ausgesehen und die Hosen wären gestrichen voll gewesen, deswegen auch die Beschreibung unseres Klettertages, damit es anderen in ernsteren Wänden nicht noch schlimmer geht.

Im Übrigen werden wir die Indian Summer heuer sicher noch machen (sofern wir sie finden), die Steinmänner zur Hufeisenkante sind auch um einen Stein höher geworden und auch die Hufeisenkante ist eine wunderbare Route in großteils festem Fels (sofern man in der Route bleibt), und außerdem müssen wir zwei Seillängen der Hufeisenkante auch noch machen, wir wollen ja keine schlechte Nachrede haben ;-).

Zweite Seillänge - fesch und ein wenig brüchig
Kategorie: Mehrseillängen
 
4.0 (1)

Nach der ersten Seillänge, ihr seht der Fels ist nicht so Bombe
Kategorie: Mehrseillängen
 
3.5 (1)

Übrigens waren wir alleine in der Wand, was ein sehr angenehmer Zustand war (weil brüchig usw.) aber auch um die Ruhe zu genießen. Zudem ist das Ambiente gleich ein wenig "alpiner" - nicht von der Route her, aber von der Landschaft, dem Fels der weniger bewachsen ist, und der Aussicht kombiniert mit perfekter Absicherung ermöglicht wirklich ein stressfreies Klettern auf einen schönen Berg - nur zu empfehlen. Und nach dem Abstieg (800HM) schmeckt das Bier auch ganz vorzüglich.

Leobner Mauer, chapeau, wir sehen uns wieder! Und ein großes Dankeschön an die Erschließer und Einbohrer, die größtmöglichen Wert auf Sicherheit gelegt haben beim Einbohren!

Ort (Karte)

8794 Vordernberg, Österreich
Eine Prise Glück...
onsight
 

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