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Horsts Tagebuch - Die Geschichte der Kletterschuhe #3

In Europa matchten sich Anfang der 1990er Jahre La Sportiva und Boreal um die Weltherrschaft in Sachen Kletterschuhe.
Aber was war mit den Amerikanern? Die mischen sich sonst ja auch überall ein!

Kaum war der Satz zu Ende gedacht, traten die Amis auch schon auf den Plan. Allerdings bedurfte es dazu einer Pionierleistung für die – no na – nur einer in Frage kommen konnte. Ulrich, Christoph Grill´s jüngerer Bruder, wurde von ebendiesem beauftragt, anlässlich eines Amerikaaufenthaltes einen speziellen Schuh mitzubringen. Irgendwie erinnerten dessen schlichte Aufmachung an den Beginn der Fire Ära.

Der Schuh war in einfachem Braunton gehalten, hatte Velcro Verschlüsse , hieß Anasazi und – war zu klein. Auch die alten Tricks mit Babypuder, Damenstrümpfen und was weiß ich noch alles, griffen nicht und Christoph musste schweren Herzens zugeben, dass Schuhgröße 6 bei uns und Schuhgröße 6 über dem Atlantik nicht dasselbe waren. Ein Freund kaufte ihm die Geräte ab und kam letztlich zum selben Schluss – die Dinger waren, verdammt noch einmal, zu klein. Erst dem Drittbesitzer gelang es den Anasazi erstmals an steirischen Fels zu bringen.

Die Schuhe waren echt gut. Die Gummimischung war erstklassig und die Passform perfekt. Die Velcros rundeten den Bequemlichkeitsfaktor ab. All das konnte aber über eine Tatsache nicht hinwegtäuschen – die Dinger stanken nach erstem Gebrauch – bei jedem – und das infernalisch. So schlimm, dass es einem selbst sogar während des Kletterns auffiel. In diesem Punkt war eindeutig Innovation gefordert und es dauerte nicht lange bis findige Leute auf die Idee kamen, Duftsprays einzusetzen. Mit eher zweifelhaftem Erfolg – aber immerhin mit Erfolg.

Der süßliche Geruch der Joints in der hinteren Arena wurde nun von einer Vanille-Zitrone-Kokosmischung überlagert. Auch im Gastgarten vom Bärenschützwirt konnte man nun die Besitzer der Anasazis völlig zweifelsfrei identifizieren. Eingehüllt in eine Duftwolke die jeder Praterhure zur Ehre gereicht hätte, wurden sie von allen anderen so gut es ging gemieden. Nichsdestotrotz – die Weltelite kletterte beinahe geschlossen mit diesem Modell. Es war das letzte Mal, dass ein Kletterschuh so dermaßen herausstach und jeder der etwas auf sich hielt damit kletterte.

Five ten legte mit weiteren Modellen nach, die dem Anasazi um nichts nachstanden. In Italien und in Spanien wurde nach der ersten Schockstarre fieberhaft gearbeitet und es gelang. La Sportiva und Boreal konnten wieder aufschließen. In Deutschland versuchte der Spitzenkletterer Stefan Glowacz mit Red Chili eine weitere Konkurrenz aufzubauen und Heinz Mariacher, der Schuhentwickler von La Sportiva, ging mitten in die Höhle des Löwen und baute in Amerika ein flächendeckendes Vertriebsnetz der italienischen Schuhmarke auf.

Innerhalb weniger Jahre wurde der Kletterschuhmarkt dann aber völlig unübersichtlich. Eine Vielzahl von Anbietern warf eine Vielzahl von Schuhmodellen auf den Markt die alle eines gemeinsam hatten. Alle waren sie verdammt gut und wiesen hinsichtlich Performance kaum Unterschiede auf.

Die einzige Konstante während der ganzen Zeit war und ist bis heute -Heinz Mariacher. Von 1981 an war er mit seinen Innovationen stets an der technologischen Spitze der Kletterschuhentwicklung und er brachte mit La Sportiva beinahe jedes Jahr eine revolutionäre Neuerung auf den Markt. Vor einigen Jahren wechselte der „Professor" dann von La Sportiva zu Scarpa und brachte auch dieses Label mit weiteren grandiosen Entwicklungen innerhalb kurzer Zeit in die Championsleague der Kletterschuhe. Sein Nachfolger bei La Sportiva, Pietro dal Pra konnte seinerseits mit großartig konzipierten Schuhen dagegenhalten.

Das Aufkommen des Internets brachte eine weitere, riesige Erleichterung für den Konsumenten. Man konnte alles überall bestellen und der Schuhtourismus nach Arco oder Finale war entgültig Geschichte. Schade eigentlich – es war ein Teil unserer Auslandstrips der nun verlorenging. Mir persönlich stößt eins jedenfalls säuerlich auf: Kletterschuhe im Laden zu probieren um sie dann später günstiger im Internet zu bestellen halte ich für eine Unart, die nicht in Ordnung ist. Es gibt so viele, liebevoll geführte, kleine Bergsportläden denen mit so einer Geschäftsgebarung das Wasser abgegraben wird. Ich finde das sehr schade.

Vor einigen Jahren kam nun meine eigene Kletterperformance schwer unter die Räder. Beruf, Familie, Hausbauen gepaart mit immer selteneren Ausflügen zum Fels ließ meine Formkurve steil nach unten gleiten. Verletzungen gesellten sich dazu und eines Tages stand das Thema „Leisertreten" vor der Tür. Meine Liebe zum Klettern war ungebrochen aber wenn man nicht mehr vom Boden abhob, selbst bei Routen die man in- und auswendig kannte, war es unumgänglich etwas zu ändern. Ich dachte an Fünfer und Sechserrouten im Hochschwab, im Gesäuse und am Dachstein. An herrliche Klettertage in wildromantischer Umgebung.

Melancholisch betrat ich eines Tages einen Bergsportladen um Kletterschuhe für solche Unternehmungen zu erstehen. Bequem sollten sie sein und groß genug um 6 Stunden und mehr damit zu klettern ohne dass die Füße schmerzten. Zum ersten Mal orientierte ich mich nicht an den Topmodellen sondern ich stellte mich vor das Regal mit den Schuhen für Hobbyamateure, die dreimal im Jahr zum Klettern gingen. Ina, die Verkäuferin beriet mich nach bestem Wissen. Es fielen Worte wie „zurückschalten", „leisertreten" und Phrasen wie „man wird auch nicht jünger". Wortlos ergab ich mich meinem Schicksal.

Gerade als ich mich für einen Schuh entschieden hatte und nach dem Karton griff, bemerkte ich aus den Augenwinkeln ein weiteres Paar, ganz am rechten Rand des Regals.

„Was ist das?" fragte ich die Verkäuferin.

„Ach" sagte Ina „das ist so ein Testpaar von Evolv" „das wollte niemand haben. Ich geb sie billiger"

„Her damit"

Die Schuhe sahen Klasse aus. Blau-Orange mit Velcros. Sie hatten eine schmale Spitze und einen mörderischen Downturn. Mit einem Wort – eine Waffe!

Als ich sie probierte sah mir Ina skeptisch zu. Ich versuchte mir nicht anmerken zu lassen, dass sie zu klein waren.

„Und?" fragte sie.

„wie angegossen" ächzte ich, während es mir die Zehen aufbog. „die passen perfekt. Ich werde sie nehmen"

Ina verdrehte die Augen.

„Soviel zum Thema" sagte sie.

Mit dem von Chris Sharma entwickelten Modell schwang ich mich nochmal zu respektabler Form auf und erst das Aufkommen der beiden Boulderhallen in Graz brachte den nächsten Karriereknick. In meiner Begeisterung hatte ich nämlich völlig übersehen, dass ich etwa doppelt so alt war wie der zweitälteste Boulderer dort und irgendwann, bei einem meiner Duelle mit den Youngsters kapitulierte meine Schulter. Es folgten endlos scheinende Monate mit Therapie, Arzt- und Spitalsbesuchen. Mit Hoffnung und Resignation. Wieder erschien das Wort „Leisertreten" auf dem Radar und erst kürzlich konnte ich erstmals wieder schmerzfrei klettern. Wie zu befürchten war, gelang es mir von all den kleinen Griffen in der heimischen Arena keinen einzigen mehr zu halten. Vermutlich lag das Problem an den Schuhen. Ich bekam mit den ausgelatschten Tretern wohl eindeutig zuwenig Anpressdruck an den Fels.

Um das Problem aus der Welt zu schaffen orderte ich rasch das Nachfolgemodell des „Shaman" .Vorsichtshalber wählte ich es eine halbe Nummer kleiner als meine bisherigen Boots. Man kann ja nie wissen…

Franz Horich, Pionier und Erschließer des Grazer B...
Testbericht Kraxlboard Prototyp

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Sonntag, 04. Dezember 2016
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