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Die Wahrnehmung der Zeit und Fontainebleau

Es ist Montag der 31. Oktober. Zeitausgleich steht in meinem Kalender. Ein nettes Wort, doch steht es lediglich dafür, dass ich irgendwann Mehrstunden geleistet habe und mir dadurch diesen Tag angespart habe. Ich gönne mir ein großzügiges Frühstück und zwei Tassen Kaffee während ich die letzte Wochenendausgabe des Standard lese. Der Schwerpunkt, wie könnte er nach der Zeitumstellung auch anders sein, liegt auf der Wahrnehmung und Veränderung der Zeit.

Haben wir das Gefühl, dass die Zeit immer schneller vergeht? Und was ist damit gemeint "früher war alles besser"? Wann früher? Letzte Woche? Letztes Jahr? Im letzten Leben (sofern man daran glaubt in unserem postfaktischen Zeitalter…)?

Die letzte Woche war mit einer einzigen Prämisse gefüllt: Es gibt keine Uhrzeit, keine Arbeitszeit, keine Freizeit sondern nur Kletterzeit. Eine Woche in Fontainebleau, fernab eines pünktlichen Lebens und der Einhaltung zeitlicher Verpflichtungen.
Eine Hommage an die Gönnung.

Unser Bouldertrip nach Fontainebleau diesen Herbst war im Vorhinein beherrscht von Problemen mit Autos, schwierigen Diskussionen und dem Lösen von Problemen, das uns nicht so ganz gelang. Deshalb fuhren wir nur zu dritt und nicht wie geplant zu fünft."Shit happens - but coffee helps"! Dreizehn Stunden Autofahrt sind ja auch kein Pappenstiel und so gönnten wir uns durch die Nacht, bespielt von der awesome-mix Playlist. Als die Sonne über Paris aufgeht, verdeckt von dichtem Nebel, stehen drei ehemalige WeststeirerInnen auf einem KFC Parkplatz in Melun mit tiefen Augenringen und bleichen Gesichtern. Martin und mir ist schon schlecht vom Rauchen auf Raststätten und wir dämpfen unsere Sargnägel verfrüht aus. Ein weiteres Mal werden Kaugummis verteilt und das Menthol sorgt kurz für ein Frischegefühl, das wir im Rachen bereits seit einigen Stunden vermissen - zum Glück zeigt sich das Deo unter den Achseln noch unbeeindruckt, aber auch diese Zeit wird bald ablaufen.

Unsere doppelstöckige Orangerie ist ein kleines Schmuckstück nahe Melun und da unsere Körper nach Schlaf verlangen, beziehen wir unser Quartier - aber zuerst trinken wir um halb 10 Uhr morgens noch ein Bierchen. Kann man um diese Uhrzeit sich das schon gönnen? Zeit, Uhrzeit, wir scheißen drauf und begießen die Gönnung.

Am frühen Nachmittag düsen wir mit unserm Prius Hybid nach Gorges aux Chats und beschließen uns erst an den Fels zu gewöhnen und im blauen Parcours viele leichte Boulder zu machen. Die Müdigkeit zehrt nicht nur am Geist sondern auch an den Gliedmaßen. Doch die Begeisterung beim Anblick der genialen Linien haucht uns Kraft und Willen ein. Ganze 16 Boulder kann ich heute in mein Routenbuch eintragen, Martin macht mehr als 20 (sic!) und Jules hält gut mit und tickt mehr als 10 Boulder. Kletterzeit? Mehr als genug!

Nach 1,5 Flaschen Wein, 11 Bier und Essen, das auch getrost für fünf gereicht hätte, ignorieren wir den Wecker um 8 Uhr früh und starten erst am frühen Nachmittag nach Franchard Isatis. Das leichte Pochen hinter der Stirn wird weniger sobald wir in diesem magischen Wald stehen. Und wir fangen einfach irgendwo an. Kein Stress, kein "das machen wir jetzt nicht, wir gehen weiter", kein Zwang. Einfach da sein und Hände an den Fels legen. Jeder macht was er will, was er kann, man nimmt sich Zeit für seine eigenen Probleme, aber auch um den Anderen bei ihren zu helfen. Es harmoniert, oder wie's in der Südoststeiermark heißt: es gschlaunt!

Der Regen kommt früh, für uns jedenfalls zu früh und beendet jäh unser einziges temporäres Messinstrument, die Kletterzeit. Egal, es ist Urlaub. Wir wissen bereits, dass der Regen nicht aufhören wird und so kaufen wir mehr Wein, der noch schlechter ist als der davor, und noch mehr Essen. Heute müssen wir der Reise und dem ersten Bouldertag Tribut zollen. Gegen 21 Uhr fallen wir in die Federn. Es folgt eine traumlose Nacht die 11 Stunden dauert - Kletterzeit gibt es danach keine. Dafür sind wir nüchtern und ausgeruht und machen das, was alle Kletterer in Fontainebleau an einem Regentag machen. Shoppen im Decathlon!

Was daran so toll sein soll? Nun ja, lange Kletterhosen um 40,- und kurze um 25,- sind, wenn nicht gerade Bergfuchsflohmarkt ist, nicht zu kriegen. Da fließen ganze Monatsbudgets von studentischen Boulderanfänger in teure und hippe Klettermode anstatt in gesundes Essen. So verschieben sich Prioritäten.

Da wir auch ein Mädel im Gepäck haben, darf ein Schuhgeschäft nicht fehlen, und da unser Ablenkungsmanöver vor dem Deko-Geschäft funktioniert, bleibt noch Zeit 33 Euro in Kultur zu investieren und wir geben uns das Schloss Fontainebleau und anschließend am Hauptplatz von Melun einen Kaffee in einer Brasserie. Augenscheinlichstes Merkmal in einer Stadt nahe Paris ist wohl die eindeutig männlich dominierte Erscheinung an öffentlichen Plätzen - ein interessantes Betätigungsfeld für Humangeographen - leider haben wir keinen dabei und so bleibt es bei Bemerkungen wie "Wo sand'n de gonzn Weiwa? I sig' nur Hawara…".

Die Hot Wings von KFC waren anfangs keine schlechte Idee, verwandelten sich jedoch nur wenige Stunden später in einen mittelschweren Giftgasanschlag, der sogar Polizisten mit Sturmgewehren ins Einkaufszentrum kommen ließ. Schon komisch wohin es unsere liberale Gesellschaft gebracht hat. Wir kaufen Fast Food, das nicht nur uns selbst in Form von Überfettung und Cholesterin gefährdet, sondern auch unsere Mitmenschen in arge Bedrängnis bringt und deren Lebensraum einschränkt. Vor allem da sich unsere Klotür nicht ganz schließen läßt und wir erst nach diesem Tag auf die Idee kommen, eine Duftkerze zu besorgen, waren wir wechselweise am Balkon um den anderen nicht voll und ganz "wahrzunehmen". Und weil ich es jetzt schon einige Sätze nicht geschrieben habe: KFC ist die volle Gönnung!

Der nächste Tag startet bewölkt, neblig, feucht und doch fahren wir nach Rocher Fin. Es ist alles nass. Auch in Diplodocus, auch in 95.2, ebenfalls in J.A. Martin - wir beenden unsere verzweifelte Odyssee nach mehreren Stunden sinnlosen herumkurvens und dem Begutachten von nassen Bouldern und kaufen Bier, Wein, Prosecco und eine Flasche Pina Colada. Wenn man schon nicht bouldern kann, kann man sich ruhig was gönnen!

The Escape Song von Rupert Holmes läuft in Dauerschleife und wir singen alle "Yes I like Pina Coladas, gettin' caught in the rain…."

Kletterzeit gibt es am nächsten Tag. Trotz angespannten Leberwerten sorgt Supradyn Forte für ein halbwegs ausgeglichenes Mineralstoffverhältnis im Körper und Bas Cuvier steht am Programm. Hier ist es endlich trocken und dementsprechend viele Leute versammeln sich. Trotzdem findet man immer ein Fleckchen zum Bouldern. Alle sind nett, entspannt, glücklich wieder trockenen Fels unter den Fingern zu haben. Die Spanier sind total relaxed mit ihren kleinen, roten Äuglein und ihre Hunde begleiten uns fast den ganzen Tag, der Kanadier mit den dicken Muskeln will mir das selbstgemachte Chalkbag abkaufen und die Deutschen, nun ja, sind halt Deutsche. Massenweise Engländer die entzückt sind weil wir so gut Englisch reden und junge Franzosen, die - begleitet von einer spottenden Mutter - dankbar unsere großen Crashpads verwenden. Es ist ein genialer Tag und wir bouldern bis die Kletterzeit vorbei ist. Die Unfähigkeit unserer Muskeln voll zu kontrahieren zwingt uns den Tag zu beenden aber auch Martins Hose, die im Schritt vollkommen aufgerissen ist und schon einen gewissen Bekanntheitsgrad an diesem Tag erreicht hat. Weiße Unterwäsche kann man sich schon mal gönnen, aber vielleicht an einem anderen Tag.

Der Theorie zufolge vergeht intensiv erlebte Zeit schneller, wird im Nachhinein in der Erinnerung allerdings als länger wahrgenommen als Alltagssituationen. Ein schöner Gedanke der mich mit dem Ende dieses Tages versöhnt. Entgeistert stellen wir fest, dass wir schon wieder Bier benötigen um den Abend zu verbringen. Rein für die Statistik muss gesagt werden, dass wir jeden Abend min. 10 kleine Bier getrunken haben, und oft landete das 12er Pack von Heineken am nächsten Tag zur Gänze im Mistkübel. Natürlich wissen wir, dass das etwas bedenklich ist und für die Kletterzeit nicht gerade von Vorteil, wir ändern aber auch nichts daran. Wozu auch? Gönnung muss sein! Dachte sich auch das Mädel und nahm mit einer rosefarbenen Weibersuppn (also sowas perlendes, ähnlich wie Bier, nur sprudliger und teurer…) vorlieb.

In 91.1 merke ich dann erstmals die Auswirkungen dieses gönnerhaften Lifestyles. Die Hände sind müde, ich bin nicht gut erholt, Spannung fehlt auch und so werkle ich eine sinnlose Stunde in einem härteren Boulder. Martin entwickelt einen Faible für höhere Boulder, die machen ihm zwar Angst, aber wenn sich die Schwierigkeit nicht steigern lässt auf Grund körperlicher Einschränkungen, dann eben die Höhe und damit die Intensität.

Wird die subjektive Zeitdauer gefühlt, die man braucht, um einen Fuß auf einen großen Tritt zu stellen, die Hand langsam an die henkelige Kante zu schieben oder sich in eine gute Leiste zu krallen, die das Gefühl von Sicherheit suggeriert, sind wir endlich in der Kletterzeit angekommen.
Die reale Zeit, multipliziert mit der Intensität des Zuges bzw. der Bewegung plus dem Angstkoeffizienten in Korrelation zur Höhe der gegenwärtigen Position ergibt eine nahezu endlose Zeitspanne in der sich Augen weiten, Schweißtropfen in Superzeitlupe fallen, Blätterrauschen und Stimmen zu einem wabern im Hintergrund vermischt werden und die Farben des wunderschönen Mischwaldes zu einem undurchsichtigen Vorhang verschwimmen.

Scharf und im Zentrum ist dieser eine Punkt wo sich Reibung und Präzision zu einem eng umschlungenen Paar aus Erleichterung und Freude vereinen.
Gelöst von den Aufgaben, die fernab dieser Kletterzeit auf uns warten, sind wir in einem Stadium des Erlebens der Jetztzeit. Das bedeutet aber nicht nur die ganze Zeit glücklich zu sein. Dazu gehören auch Frust, Wut, das Gefühl des Satt-Habens, die Beschäftigung mit sich selbst und das Zurückfinden in den Genuss. Ein andauerndes Hochgefühl reguliert sich irgendwann selbst und macht einer tiefen Traurigkeit Platz, die einen gerne woanders hintragen würde. Während man mit sich selbst und seinem Einbruch beschäftigt ist, hat man das Gefühl, es wäre eine riesige Zeitspanne vergangen. Schlussendlich waren es doch nur Minuten und der helle Moment kehrt zurück! Es folgen die härtesten Boulder unseres Trips und eine ganze Flasche schlechter, fertig gemixter Mojito. Im Rückenwind von weiteren 10 Dosen Bier.

Der letzte Tag ist immer etwas Besonderes. Die Endlichkeit des Trips wird einem bewusst und vom "awesome mix" plärrt Kurt Ostbahn aus den Lautsprechern "Nix schwimmt so schnö wia de eigenen Fö. So schnö kannst garned sei, is a scho vuabei." Womit er Recht hat, aber noch haben wir etwas Kletterzeit übrig.

La Canche aux Merciers wird es schlussendlich und mein Routenbuch hat noch 20 freie Seiten, d.h. mein Ziel heute ist es 20 Boulder zu machen - was mir auch gelingt. Es wäre aber kein einziger mehr gegangen. Als letzten Boulder mache ich einen ranzigen aus dem orangen Parcours, der eigentlich kein würdiger Abschluss ist, aber mein Ziel war es einfach 60 Boulder zu machen, egal wie schwer. 60 Boulder in 5 Bouldertagen, großteils aus blauen und roten Parcours und ein paar Einzelboulder, für mich ein ziemlicher Brocken, Bleausards spulen dieses Programm wohl öfters ab.

Apropos Bleausards - es hilft wenn man ein hübsches Mädel dabei hat, dann sind sie freundlich, reden englisch und geben einem Tipps - die alten Schwerenöter! ;-)

Fazit? Naaa, kein Fazit, es war die totale Gönnung!

Ich bin am Ende meiner Gedanken zu diesem Bouldertrip, Bob Dylan hat den Literaturnobelpreis gewonnen und wenn Fontainebleau ein Sänger wäre, dann wohl Kid Rock mit den Zeilen

"CAUSE I'M THAT MOTHERFUCKIN ILL ONE WITH A STEEL DICK,

HITTIN YOU HOE'S WITH THE REAL SHIT"!

Bildquelle: http://dehayf5mhw1h7.cloudfront.net/wp-content/uploads/sites/525/2016/02/17145823/Kid-Rock.jpg
Hinter den Kulissen
Der letzte Wille eines Freundes

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Kommentare 1

Michael Gattol am Sonntag, 06. November 2016 12:39

sehr fein zu lesen dein Blog, cool 👍

sehr fein zu lesen dein Blog, cool 👍
Gäste
Sonntag, 04. Dezember 2016
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