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Enttäuschende Erwartungen

Jeder der bouldert, weiß was es heißt, ein Projekt zu haben.
Aber was heißt das denn wirklich?
Für mich in erster Linie das der Boulder nicht nach einem Monat umgeschraubt und durch ein neues, aus bunten Plastikgriffen und/oder -tritten definiertes Ding, ersetzt wird. Sondern ein durch die Natur geformtes, gewachsenes Ungetüm Stein - mit seiner ganzen Komplexität und Perfektion - welches Generationen überdauern wird.
Dieses eine Projekt, über das ich hier schreibe, ist allerdings etwas sehr spezielles. Ich will sogar sagen, es ist meine Nemesis.

2012 das erste Mal probiert, vielleicht 2-3 Tage investiert und viel zu schwach gewesen. 2013 nie dort gewesen. 2014 dann schon ernsthafter angewerkelt, 5 Tage projektiert nur um schlussendlich am vorletzten Zug rauszukippen. Am 1. April 2014 geschah dann das, was jedem kleinen Naserl am Fels einmal passieren kann. Es knackte weg. Nicht bei mir, sondern bei jemandem, der das Ding dann doch noch abgezogen hat. Meine Beta für die Schlüsselstelle war nun dahin. Die kleine Nase, auf die ich mit größter Mühe einen Heelhook setzen konnte, war weg und damit auch der Status als Projekt, und ich vergaß den Boulder für einige Jahre.

Wir springen drei Jahre nach vorne ins Jahr 2017, es ist schweinsheiß und die Luftfeuchtigkeit bewegt sich irgendwo zwischen Schweißausbruch und Schnappatmung. Ich mache mich trotzdem auf den Weg um ihr (Projekte sind bei mir immer weiblich, gut gebaut und fordernd…) einen Besuch abzustatten. Der Block sieht eigentlich aus wie immer: Überhängend, abdrängend, mit guten Griffen, die sich dann, sobald man drinhängt, in unpackbare Drecksdinger verwandeln, die entweder sowieso in die falsche Richtung ziehen oder nicht so viel hergeben wie man dachte. Was anders ist? Die Startgriffe und Tritte sind eingewoben von Spinnweben und toten Tierchen darin. Die hängen schon länger dort, denn lebende Spinnen sind da keine mehr zu finden. Das Loch für die 3 Finger leuchtet grün-algig. Na gut, ein wenig feucht war das immer - aber früher war das noch Fels. Jetzt schrubbe ich mit meiner kleinen Bürste einige Minuten und investiere viel Chalk um das Loch a) trocken zu kriegen und b) den grünen Schleim zu entfernen.

Anscheinend war hier schon länger niemand - und das bei der Menge an fitten Boulderern in der Halle und der Einzigartigkeit dieses Boulders und der leichten Erreichbarkeit von Graz. Ich weiß momentan gar nicht, ob es wirklich eine Enttäuschung ist. Als der Boom und die Neueröffnungen über Graz hereingebrochen sind, war ich etwas im Zwiespalt. Wie wird das jetzt draußen an den Felsen werden? Muss man die Nummer 82 ziehen, wie beim Interspar Hypermarkt an der Wurststation? Wird alles zugemüllt, zugeschissen, zugetickmarkt und zugechalkt sein? Werden die Leute mit Scheinwerfern, Musikanlagen und kleinen, mobilen Grillern unter den Blöcken liegen und die Naturerfahrung durch dumpfes Gewummere und Freiluftgrillen ersetzen?
Doch die unbegründete Angst war mehr einer Art Neugierde gewichen. Neugierde auf die wachsende Zahl der Felsjünger, die noch unerforschte Wälder durchkämmen und neue Boulder finden, alte Linien wieder entdecken, neue Kombinationen machen und Boulder abknipsen, für die ich immer zu schwach war. Vielleicht hätte ich mich bei manchen eingebaut, ein paar halbwegs gute Bilder gemacht, kopfschüttelnd viel zu kleine Startgriffe abgetastet, ein paar Biere getrunken und über die veganen Möchtegern-Wurstblatterl im glutenfreien Brötchen der wohlerzogenen Hipster gelacht, während ich mir genüsslich eine Bio (soviel Bobo bin ich dann aber auch..)-Extrawurstsemmel mit Gurkerl reingezogen hätte. Den richtigen Scheiß, nicht das nachgemachte Pflanzenpfuigax. Aber meine direkte Art, ihr merkt schon….

Anyway, ich schiebe die Gedanken beiseite. Nach ein wenig Aufwärmen versuche ich einzelne Züge zu machen. Ich fühle mich schwach und denke mir, dass das heute keinen Sinn macht. Die Hardcore-Scarpa-Waffen für besondere Herausforderungen schmerzen, die Fingerkuppen sind weich vom Bürojob und die Griffe schmieren sowieso. Die beta-intensive Lösung habe ich nahezu vergessen und das Sinn-Fragezeichen schwebt bereits groß und schadenfroh über mir. Aber es wird besser. Ich kann den 2. Zug machen, der eh der leichteste ist... irgendwie geht auch der Erste. Zug um Zug bekomme ich die Abfolge wieder hin und kann sie auch wieder zusammenhängen. Geil! Drei Jahre später, wesentlich weniger fit und mit mehr Kilo auf den Rippen kann das Ding vielleicht gehen. Damit habe ich nicht gerechnet.

Oder? Irgendwie ist da so ein Gedanke im Hinterkopf. So ein kleines Fussel, das da herumfliegt, sich auf ein Stück Erde niederlassen möchte um dort zu keimen. Wie von einer Pusteblume. Der botanische Ausflug sei mir verziehen, aber natürlich MUSS man zu einem schweren Boulder mit der Absicht hinfahren, ihn auch abzuhaken und genau das war dieser Fussel. Ein Abbild eines Gedanken, der mich auf dem Block stehen ließ, zitternd, am Ende der Kräfte, aber erfolgreich. Was macht man denn sonst dort? Klettern aus Spaß oder zum Ausgleich? Ich kann diesen Scheiß schon gar nicht mehr hören. Schon mal jemanden gesehen, der an seinem persönlichen Limit klettert und feststellt "Haha, ist das lustig, das macht mir grad volle Spaß, die singenden Sehnen sind wie Engelsstimmen die mich auf die 7. Wolke tragen und die eingechalkten Hautfetzen sind wie gestickte Vorhänge auf den Fenstern zum Glück!". Ich kenne niemanden dem es so geht.

Aber wie konnte ich davon ausgehen heute etwas besser zu machen als vor 3 Jahren? Ein genialer und so spezieller Boulder, den ich nicht einmal in meiner fittesten Zeit durchsteigen konnte, hätte heute in ein bis zwei Stunden fallen sollen? Wunschdenken. So war der heutige Tag - trotz aller Lichtblicke und Verbesserungen - eine Enttäuschung auf Grund einer zu hohen, oder gar falschen Erwartungshaltung.

Ich stehe vor einem der besten Boulder rund um Graz. Eine geniale Linie, schwer, technisch, fingerkraftlastig, brutal gut und wenig frequentiert. Ich frage mich wieder, wie das sein kann? So ein Ding gehört doch 2x/Woche geklettert - mindestens! Bei der Anzahl an Trainiertieren in den Hallen. Wir checken noch die vereinzelten Boulder rundherum. Schön, die haben nicht die selbe Klasse und sind teilweise auch flechtig oder moosig. Vereinzelt ist noch Chalk darauf, aber in diesem Jahr war hier noch niemand. Erleichtert bin ich schon ein wenig: Kein Müll war zu finden, kein Hauferl versteckte sich hinter einem Block, keine Tickmarks wie Höhlenmalereien auf den Felsen - ich denke mir, "vielleicht ist es besser so". Aber meine Erwartungshaltung war eine andere - wieder einmal.

Früher rannten wir durch den Wald und beäugten kritisch jedes Stück Fels, putzten, probierten, projektierten... und jetzt? Jetzt wartet eine schweigende Masse im Internet auf GPS Daten und Parkplatz- sowie Zustiegsbeschreibungen inkl. Streetfoodgastrotipps. Wobei am Land versteht man unter "Streetfood" z´ammgführte Viecher - die heben sich von der urbanen Lifestyleküche schon etwas ab und sind nur was für wahre Holzfällerhemdenträger oder wirklich ausgezehrte Klettergerippe, die auf den nächsten Boudertrip sparen.

Manchmal erreicht mich eine Nachricht über Instagram oder Facebook mit der Frage nach Blöcken oder Spots, aber niemand kommt auf die Idee zu fragen "Herst, nimmst mi mal mit?" - so wie es früher war, und bei manchen wohl noch immer ist. Wer niemanden kennenlernen will, schreibt halt eine Nachricht und wartet.

Ich werde auf kühlere Temperaturen oder Abendstunden warten und wiederkommen, mit einer erfolgversprechenden "Überrasche nicht andere, überrasche dich selbst!"-Einstellung (Danke Yogi-Tea [Achtung, Produktplatzierung!]) und dann schauen wir mal, ob dort noch jemand anders auf "prime conditions" wartet und Bock hat, auf eine der besten Lines rund um Graz und auf "Geht scho! Reiß o'! Kumm jetzt!".

Eine Hommage an die Schöckelkante (FB 7B+++), Radegunds finest!

Machacek, Kapitel 2 – Der Berglandkrimi geht weite...
"GPS"
 

Kommentare 1

Michael Gattol am Dienstag, 25. Juli 2017 18:31

ROFL one of Stephs finest
Es verwundert mich auch immer wieder das doch viele von den Hallenmenschen meist nur am Plastik zu finden sind bzw. wenn dann auch nur die sehr traditionellen Rockspots außerhalb von Graz besuchen ...
Am Ende definiert halt doch jeder den Sport auf seine Weise

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ROFL one of Stephs finest ;) Es verwundert mich auch immer wieder das doch viele von den Hallenmenschen meist nur am Plastik zu finden sind bzw. wenn dann auch nur die sehr traditionellen Rockspots außerhalb von Graz besuchen ... Am Ende definiert halt doch jeder den Sport auf seine Weise :)

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