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Hanspeter Eisendle : „Ich habe selber oft Angst“

(C) Archiv Eisendle

Hanspeter Eisendle, geb. 1956 in Sterzing, Ausbildung zum Kunsterzieher, seit 1982 Bergführer, Teilnahme an mehreren Himalaja-Expeditionen, einer der besten Dolomitenkletterer mit zahlreichen Erstbegehungen, Sportkletterrouten bis zum 10. Schwierigkeitsgrad. Extreme Klettereien in aller Welt, wobei das Erleben der eigenen Exponiertheit weit vor dem Leistungserlebnis steht. Lebt mit seiner Familie in Sterzing.

Hanspeter Eisendle spricht in einem Interview in salto.bz über den Spagat zwischen Risiko am Berg und der Familie Zuhause.

Hanspeter – Du bist Familienvater, du hast drei Kinder und eine Frau. Wie gehst du mit dem Thema „Risiko am Berg" um?

Es ist immer ein Spagat. Wie jeder andere versuche auch ich, die Sachen und Situationen zu erkennen, die gefährlich sind. Und dann diesen Momenten auszuweichen. Das ist ja der eigentliche Inhalt des Bergsteigens. Man geht irgendwohin, wo es gefährlich ist, um wieder zurückzukommen. Das Ziel ist nicht der Gipfel, sondern das Ziel ist daheim. Man will und muss wieder heimkommen.

Gibt es einen Unterschied wenn man als Alleinstehender oder als Familienvater extreme Touren macht?

Es ist insofern ein Unterschied als ich anfänglich viel jünger war. Wenn man 20 Jahre alt ist, dann hat man in Drachenblut gebadet und hat vermeintlich ganz wenige, kleine Flecken, die verwundbar sind. Wenn man dann 40 Jahre alt ist und Kinder hat, dann hat man das Gefühl man hat weit mehr verwundbare Flecken. Inzwischen bin ich der Auffassung, dass ich noch nie einen Drachen gesehen habe.

Gab es für dich einen Punkt, wo du auch mit Blick auf deine Familie gesagt hast, jetzt ist es zuviel oder jetzt ist genug?

Das hat es oft in meinem Leben gegeben. Ganz unabhängig von der Verantwortung den anderen Menschen gegenüber. Denn die größte Verantwortung beim Bergsteigen hat man im Moment der Tat sicher selber gegenüber. In schwierigen Momenten ist das ganze Familiäre oder Gesellschaftliche völlig weg. Man ist so extrem auf sich selbst konzentriert.

Hat deine Frau nie gesagt: „Bitte lass es"?

Nein. Bei uns ist es so, dass wir alle fünf dieses Gefühl für die Berge haben. Die ganze Familie geht gerne Skitouren oder Klettern. Das ist bei uns irgendwie eine Art Familiengeschichte. Aber trotzdem kann ich gut verstehen, wenn eine Partnerin mit den Bergen wenig am Hut hat und es nicht verstehen kann, dass jemand auch die Auseinandersetzung mit diesem anderen Teil der Welt sucht.

Kann man aus Liebe zum Partner oder zu den Kindern das Bergsteigen aufgeben?

Natürlich kann man das. Wenn es zu einem Ultimatum kommt, dann muss man entscheiden. Wobei solche Ultimaten sicher ungut sind. Denn ich glaube, dass das für jeden Menschen eine eigene Entscheidung sein muss. Wird es von außen aufgezwungen, dann stelle ich mir das einfach ungut vor. Wenn man selber aber dieses Gefühl hat, dann kann man es auch lassen und schauen, wie man mit dem urbanen Leben zu Recht kommt.

Sind Bergsteiger und Kletterer nicht von Haus aus Egoisten?

Ich glaube es gibt einen gesunden und ein krankhaften Egoismus. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die nie egoistisch sind. Ich persönlich schätze die Stunden, wo ich ganz allein mit mir irgendwo im Gebirge bin. Das ist etwas sehr Egoistisches. Auch weil es etwas Ausschließliches ist. Aber gerade durch diese Stunde kann ich danach wieder ziemlich sozial sein.

„Dem Bergsteigen haftet der Nimbus an, dass es nicht notwendig ist. Das stimmt natürlich. Aber wenn man das menschliche Leben auf das reduziert, was notwendig ist, dann wäre unsere Existenz ganz etwas Erbärmliches."

Es ist für jede Familie, für jede Mutter und für jeden Vater sinnvoll, dass man diese Dinge regelt. Aber das Sinnvollste ist, dass man einfach aufpasst, bei den Sachen, die man tut. Das ganze Leben ist mit der Möglichkeit behaftet, dass man irgendwo umkommt. Auch das Bergsteigen. Dem Bergsteigen haftet der Nimbus an, dass es nicht notwendig ist. Das stimmt natürlich. Aber wenn man das menschliche Leben auf das reduziert, was notwendig ist, dann wäre unsere Existenz ganz etwas Erbärmliches.

Die Frage aber ist, ob die Freiheit mit der Verantwortung einher geht?

Natürlich muss man diese Verantwortung, die man sich selber gegenüber hat, auch auf die Familie ausweiten. Das ist für mich ganz klar. Dass man manchmal noch früher einen Rückzieher macht. Für mich ist das das Wesen des Bergsteigens. Das Bergsteigen ist ein Spiel. Die Gesellschaft verwechselt das immer mit Sport oder mit einem Wettstreit, wer der Erste, der Zweite oder der Dritte ist. In Wirklichkeit ist es ein Spiel. Eine persönliche Auseinandersetzung mit der Schönheit aber auch mit der Gefahr.

Kannst du dich in einen Menschen hineinfühlen, der zuhause sitzt um einen Bergsteiger zittert und hofft, dass diesem nichts passiert?

Ja, das kann ich. Denn ich habe selber oft Angst. Um meine Kinder oder um gute Freunde. Oder wenn man irgendwo zuschaut. Das ist viel furchterregender als wenn man das Gleiche selber tut. Das hat ganz viel mit Vertrauen zu tun. Wenn man eine lieben Menschen losziehen lässt und man hat Vertrauen, dann ist das viel leichter zu ertragen, wie wenn man sich von Haus aus denkt, was wird der für einen Blödsinn machen.

Das Vertrauen ist hier ein ganz wesentlicher Aspekt.

Großteils übernommen aus einem Interview in salto.bz von Christoph Franceschini 11.01.2017.

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„Ich habe selber oft Angst“ | Salto.bz

Der Bergführer Hanspeter Eisendle über den verständlichen Zorn der Bergsteigerwitwe Maria Theresia Bortoluzzi und den Spagat zwischen dem Risiko am Berg und der Familie.
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