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Horsts Tagebuch - Die Geschichte der Kletterschuhe #2

Fire! Der spanische Kletterschuh, mit dem Jerry (Anm.: Moffat) die Kletterwelt in Aufruhr versetzte, nannte sich Fire (sprich: Fiiireee) und wurde von Boreal in Spanien erzeugt. Man schrieb Jerrys Erfolge anfänglich der sagenhaften Reibungssohle zu. Ja, es wurde sogar gemunkelt, dass die Routen bis zu zwei Grade leichter würden damit. Wie sonst sollte es auch möglich sein, dass ein völlig unbekannter Engländer plötzlich Stars wie Wolfgang Güllich oder dem Franzosen Patrick Edlinger um die Ohren klettern konnte?

Das Rätsel um Moffats Kletterkönnen wurde rasch gelöst. Niemand geringerer als Wolfgang Güllich, ganz Sportsmann, meldete sich zu Wort und ließ keinerlei Zweifel an seinen Fähigkeiten aufkommen. Jerry klettere ganz einfach so gut, antwortete er auf Fragen in diese Richtung. Basta. Als dann Videos von Jerry zu sehen waren, wurde erstmals das Märchen von der Supersohle relativiert. Am Schuh konnte es gar nicht liegen, dass er überall hochkam.

Er verschwendete keine Sekunde für das exakte Setzen der Füße, sondern er hielt sich an allem fest was irgendwie an der Wand hervorstand und kletterte oftmals noch schwieriger als es nötig war. Das Geheimnis, so analysierte Güllich, läge am fließenden Klettern. Widerspenstige Felspassagen wurden von Jerry mit Geschwindigkeit geknackt. Es blieb ihm gar keine Zeit um nach geeigneten Griffen Ausschau zu halten, sondern er schnappte sich einfach alles was er erwischen konnte und hielt sich nur Sekundenbruchteile daran fest. Das spart Kraft - so die Theorie.

Es gibt nicht viele Kletterer, die das in die Tat umsetzen können. Erst viele Jahre später sah ich einen sechzehnjährigen, unbekannten Salzburger, in eben diesem Stil klettern. Sein Name – Klem Loskot. Die Gummimischung war aber wirklich um Galaxien besser als alles andere auf dem Markt befindliche. Folgerichtig wurde auch im Grazer Bergland Jagd auf das Objekt der Begierde gemacht. Nur – es gab die Schuhe schlichtweg nirgendwo zu erstehen. Die Erlösung kam schließlich Dank einer Eigeninitiative des Grazer Kletterpioniers Thomas Hrovat.

Kurzerhand nahm er einen Kredit auf und bestellte 30 Paar in Spanien. Die Schuhe verkaufte er dann binnen weniger Stunden. Ich war einer der glücklichen Kunden. Und ich muss sagen – ich wurde nicht enttäuscht. Die Reibungswerte waren intergalaktisch. Die folgenden 2 Jahre konnte keiner der renommierten Kletterschuhersteller mit Boreal mithalten. No Chance. Die Routen in der steirischen Arena wurden samt und sonders mit dem Fire erstbegangen. Ab Mitte der 80er Jahre versuchte der italienische Schuhhersteller La Sportiva dann mit einem neuartigen Konzept wieder ins Geschäft zu kommen.

Der „Ballerina", ein Slipper, der eher einem Hausschuh glich denn einem Kletterschuh, kam auf den Markt. Aus heutiger Sicht völlig unbrauchbar, fand der Stoffschlappen mit 2 mm Sohle dennoch seine Abnehmer. Dass man damit auch richtig schwer klettern konnte, bewies der Tiroler (und Wahlwiener) Michl Wolf, der sich damit die fünfte Begehung des Zeitgeists (8a) sicherte. Boreal seinerseits nahm die Idee auf und entwickelte den „Ninja". Dieser war wesentlich stärker verarbeitet als der Ballerina und somit der erste Slipper, der sich richtig durchsetzte. Christoph Grill machte damit seine legendären Traversen in der Peggauer Höhle. Es waren die ersten Boulder im Grad 7c+/8a des Grazer Berglandes. Nun bewies La Sportiva ein goldenes Händchen als sie den Tiroler Spitzenkletterer Heinz Mariacher, Erschließer großartiger und wegbereitender Kletterrouten in den Dolomiten, unter Vertrag nahmen.

Das gleichnamige Modell löste den Fire an der Spitze der Kletterschuhe ab. Der "Mariacher" in violett-gelb wurde zu einem der erfolgreichsten Schuhmodelle aller Zeiten und Heinz Mariacher selbst begann damit seine großartige Karriere als Kletterschuhdesigner. Logischerweise kletterte auch ich mit diesem Schuh. Christoph Grill hingegen, der alte Querdenker, nahm sich ein anderes Sportiva Modell zur Brust. Der giftgrüne „Manolo" war der einzige Kletterschuh der Geschichte, den man rechts und links anziehen konnte. Christoph machte die Erstbegehung des Zigeunerbarons (8b) im Zigeunerloch damit. Wer die Schuhe sehen will, schaue sich den Film „Zigeunerbaron extrem" von Robert Schauer an. Nie zuvor sah ich einen anderen Kletterer mit diesem Schuh. Danach allerdings auch nicht. Die Idee war genial, aber sie fand keine Abnehmer.

Boreal wurde nun von Northland in Graz verkauft, aber für die begehrten Sportivas mussten wir nach Italien. Zum Glück war der Lirekurs auf unserer Seite und mit dem Erwerb von zwei Paar Kletterschuhen hatten sich die Spritkosten bereits amortisiert. Gobbisport in Arco war eine meiner Anlaufadressen um Klettermaterial zu kaufen. Jedesmal, von Freunden mit einer ganzen Einkaufsliste ausgestattet, schmuggelte ich was das Zeug hergab und die Grenzkontrollen bei der Heimreise gestalteten sich oft weitaus nervenaufreibender als jede Kletterroute der vergangenen zwei Wochen. Mein favorisiertes Geschäft aber war der „Rockstore" in Feglino bei Finale Ligure. Der von Andrea Gallo, einem italienischen Spitzenkletterer, betriebene Laden hatte zwar nur 15 m² Verkaufsfläche, bot aber alles was das Herz begehrte. (Und wir mussten es haben – um alles Geld der Welt!).

Klettertrips waren auch Shoppingtrips und oft freuten wir uns über unsere Einkäufe wie kleine Kinder. Wer kennt noch die geilen, violetten muscle shirts von La Sportiva - am Rücken, der an einer Mondsichel hängende Kletterer? Oder die hautengen, glänzenden Lycras in verschiedensten, meist psychedelischen Farben und Mustern? Wir trugen Klettergurte in der Farbkombination gelb-pink und hatten Chalkbags, die so klein waren, dass man nur mit 2 Fingern hineinkam. Massone in Arco war noch superrauh und die 7a`s dort waren so eingebohrt, dass man noch richtig weit runterfliegen konnte. (Und es auch taten). In Italien kam mit Erto ein neues Hardcoregebiet in Mode und auf der Fahrt dorthin machten wir bei Gino Lacedelli in Cortina Halt, um uns für die Überhänge optimal auszurüsten. Aber sorry – ich schweife ab – nun weiter mit den Schuhen.

Schon als es den Anschein hatte, dass La Sportiva die Weltherrschaft an sich reißen würde, meldete sich Boreal zurück. Der schwarz-pinke „Laser" erwies sich als „die" Waffe bei überhängenden Sinterklettereien und wurde einer der größten Erfolge der spanischen Firma. Kletterschuhe müssen eng und mindestens 2 Nummern zu klein sein. Bevor es erstmals an den Fels ging, hatte ich meist schon eine ganze Fernsehwoche mit den Patschen an den Füßen hinter mir. Meine Hammerkopfzehen habe ich den viel zu klein gekauften Schuhen zu verdanken. Und so nahm der Kult um zu enge Kletterpatschen auch teils ziemlich skurrile Formen an.

Ich war Augenzeuge als ein guter Freund im Zigeunerloch bei Graz seine neuen Laser erstmals versuchte anzuziehen. Die Geräte waren nicht zwei sondern mindestens vier Nummern zu klein gekauft. Es war ganz offensichtlich, dass er sich in der Größe geirrt haben musste. Mein Kumpel blieb von dieser Tatsache unbeeindruckt. Zuerst befüllte er die Schuhe mit schmierigem Babypuder. Randvoll. Dann steckte er seinen nackten Fuß in eine Plastiktüte, klippte eine Expreßschlinge in die Schlaufe an der Ferse des Schuhs und stieg (mit Plastiktüte!) ein.

Zumindest versuchte er einzusteigen. Sein Bizeps schwoll dabei zur Größe der Oberarme von Arnie Schwarzenegger im Film Conan der Barbar an. Sein Latissimus spannte sich wie ein Flügel der über uns umherschwirrenden Fledermäuse. Das Gesicht nahm aufgrund der Pressatmung eine dunkelrote Farbe an, die sich dann ins bläuliche verfärbte. Ein zufällig anwesender Radfahrer, der dieses Schauspiel irritiert mitverfolgte, vermutete, dass der Schuh eventuell zu klein gekauft wäre. „Aaaarrrrrggggggghhhh", schrie Christoph. Dann war der Fuß im Schuh. Der Radfahrer aber ergriff schleunigst die Flucht.

Kurze Zeit später gingen Fotos von Güllichs neuester Kreation „Action directe" um die Welt. An seinen Füßen – der schwarz-pinke Laser von Boreal. Wird nun Boreal die Weltherrschaft behalten oder hat doch La Sportiva bald wieder die Nase vorn? Oder kommen die Amis auf den Plan? (Die mischen sich ja sonst auch überall ein) Aber das...ist eine andere Geschichte.

​Die Geschichte der Kletterschuhe - Teil 2 … Fire - die Reaktion

Nachdem die Entwicklung der Kletterschuhe ganz maßgeblich – bis heute – vom Tiroler Heinz Mariacher mitgeprägt wurde und ich ihn auch, in meinen Geschichten, immer wieder namentlich erwähnte, hab ich ihm meine Stories gemailt. Vor einigen Tagen kam nun eine Antwort von ihm über die ich mich so richtig gefreut habe.

Hallo Horst, ich schaue nur selten ins FB und habe erst jetzt deine messages entdeckt. Deine Kletterschuh-Geschichte ist echt interessant zu lesen, vom Zeitablauf her aber nicht ganz korrekt. So hat es den "Mariacher" schon vor dem Fire gegeben (1982, ich hatte ihn als Entwickler schon 1981) und sein eigentlicher Vorgänger war der schwarzgelbe San Marco Schuh, entwickelt von Alessandro Grillo mit Patrick Berhault. Damals ein echter Schritt vorwärts gegenüber dem EB. So viel ich weiß, ist der Fire 1983 populär geworden. Den Ballerina hatte ich gleichzeitig mit dem Mariacher entwickelt, gleiches Leder Gelb/Violett. Bin gespannt, wie deine Geschichte weiter geht.

Ciao Heinz

http://www.ispo.com/en/people/id_78385906/heinz- mariacher-a- pioneer-of- modern-climbing- sports.html

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Sonntag, 04. Dezember 2016
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