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Horsts Tagebuch - Die Geschichte der Kletterschuhe #1

Als ich mit dem Klettern begann, gab es Bergschuhe. Nichts anderes. Es gab duplexvernähte Sohlen und Triplexvernähte. Mit ersteren konnte man überall in den Alpen bestehen. Triplexvernähte Bergstiefel waren dann auch am Everest noch erste Wahl. Die Schuhe waren bretthart und stocksteif. Für die Trittleitern in den Superdiretissimas perfekt, aber sobald man damit richtig klettern musste, wurde es schwierig.
Reibungsklettern war eine richtige Herausforderung. Ich konnte mir weder triplexvernähte noch duplexvernähte Schuhe leisten und nahm gezwungenermaßen mit den Rauhlederpatschen meiner Mutter vorlieb. Nach drei Routen am heimischen Ratengrat fiel die Sohle herunter. Sigi Wentner, jetziger Bergrettungschef in Mixnitz und damaliger Weltenbummler in Sachen Fels, war einer der Ersten, der mit einem offensichtlich weitaus tauglicherem Modell am Ratengrat auftauchte.
In Bozen, während eines Dolomitenaufenthaltes, hatte er sich La Sportivas gekauft. Sie waren wesentlich leichter als die üblichen Bergschuhe, mit seitlich hochgezogenem Gummi, in himmelblau. Ich hatte als 13 jähriger Schüler weder die Möglichkeiten nach Bozen zu fahren, noch die finanziellen Mittel um mir überhaupt solche Schuhe zu kaufen. In meiner Not verschlug es mich zum Oswald, dem ortsansässigen Schuster, in Mixnitz. Ich traute meinen Augen nicht – er hatte tatsächlich ein Modell in seinem Regal, das den begehrten La Sportivas zumindest ansatzweise ähnlich sah. Und das auch noch zu einem erschwinglichen Preis.
Meine Freude war nur von kurzer Dauer. Dass die Sache einen Haken hatte, war ja zu befürchten – und der offenbarte sich nach wenigen Klettermetern. Mein Kletterpartner machte mich darauf aufmerksam als er, achtsam sichernd, zu mir hochsah.
Ich hatte keinen gelben Punkt auf der Sohle – es war keine Vibramsohle!
Keine Vibramsohle – das war so wie Fußballschuhe ohne Stoppel. Es war zum Verzweifeln. Der Geistesblitz durchfuhr mich als ich vom Klettern nach Hause radelte. Kurzerhand malte ich mir selbst den gelben Punkt auf die Sohle und die Welt war wieder in Ordnung. Für die nächste Revolution war Carlo Gosch, ein Bergführer aus Pernegg, verantwortlich. Von einem Chamonixbesuch brachte er Reibungskletterschuhe mit. Diese Dinger waren etwas völlig neuartiges. Butterweich und ohne jedes Profil. „Das sind Slicks" erklärte er uns. „Die picken am Fels wie Uhu Stick".
Wir lachten ihn aus. Als am darauffolgenden Wochenende die Gruber Buben mit ähnlichen Modellen von Asolo aus Cortina am Ratengrat auftauchten, lachten wir nicht mehr. Für mich war sonnenklar – Slicks müssen her. In einem Katalog wurde ich auf der Suche nach Reibungskletterschuhen fündig. Ich zeichnete den Umriss meines Fußes auf ein Blatt Papier und schickte dieses zu Edelweiß. 2 Wochen später hatte auch ich Reibungskletterschuhe. Sie waren bequem zu tragen. Mit Ihnen radelte ich von Pernegg nach Mixnitz. (Die Zacken meiner Pedale drückten sich gleich einmal ordentlich in den weichen Gummi, nun hatte ich doch wieder Profilsohlen). Mit Ihnen brachte ich den schweißtreibenden Zustieg zum Ratengrat hinter mich und mit ihnen gings nach gekletterter Tour auf dieselbe Weise wieder nach Hause.
Diese Schuhe waren die Eintrittskarte in eine neue Welt. Reibungsplatten verloren plötzlich ihren Schrecken und auch sonst konnte man eindeutig besser damit klettern. Alle Firmen die am Schuhsektor etwas mitreden wollten, hatten plötzlich mindestens eines dieser Modelle im Programm. Asolo in Italien, Paragot und Galibier in Frankreich. Aus Deutschland mischte Hanwag mit und in der Anfangszeit sogar Adidas. Österreich hatte Edelweiß.

Aber die richtig begehrten Modelle kamen aus Amerika und England. Die „EB´s" waren das Maß aller Dinge. Mit diesen blauen Stoffpatschen kletterten die Stars und sobald es diese bei Salewa am Griesplatz zu kaufen gab, auch ich. Gleichzeitig mit den Kletterpatschen kam auch die Sportkletterbewegung bei uns an. Die Routen wurden immer schwieriger. Der Anspruch ans Schuhwerk immer höher. Inzwischen kletterten wir auch in den Alpenwänden damit. Ein paar spitzfindige Firmen, Hanwag zum Beispiel, bauten Reibungskletterschuhe mit Absätzen, die bei den Abstiegen im schrofigen und grasigen Gelände verhindern sollten, dass man ausrutschte und einen unrühmlichen Abgang feierte. Bei uns setzten sich hauptsächlich die grünen „PA`s" (Kurzform für Pierre Allain) von Galibier durch. Sie hatten, wie alle anderen Patschen dieser Generation, richtigen Stiefelcharakter und gingen weit über den Knöchel hinauf. Sie waren billiger als die EB´s und leichter zu bekommen. In der Steiermark gab es ohnehin nur Salewa am Griesplatz, wo man solche Teile erstehen konnte.

Erst später sprang der Kastner auf den Zug auf. Aus Salewa wurde dann bald Northland. Ernst und Roman Gruber kletterten mit den PA´s eine ganze Reihe, damals schwierigster Routen, im Hochschwab und im Gesäuse. Die „Schinko" (7+) an der Stangenwand Südostwand etwa oder den „Weg der Jugend"(8+) im Rauchtal. Einer der Höhepunkte war bestimmt auch der „Weg der Rentner" (7+) auf der Fölzalm. Der galt damals mit Trittleitern bereits als schwierigste Fölzkletterei und wurde nun von den beiden onsight Rotpunkt geklettert. Die Route ist kein Pappenstiel und als mich ein Jahr später die Sicherung am Quergang in der 2. Seillänge anlachte, war ich wieder einmal mehr als beeindruckt von den Beiden.
(Die Sicherung war übrigens ein abgemorschtes Zeltschnürl das als Knotenschlinge in einer bröseligen Rißspur steckte.) Indes zeigte Sepp Lang aus Kapfenberg im kalifornischen Yosemite Valley mit den grünen Patschen auf. Am Apron holte er sich zuerst die dritte Begehung des „Green Dragons" (5.11d) um anschließend, gemeinsam mit dem Tiroler Heinz Zak, der „hall of mirrors" (5.12a - damals die schwierigste Plattenkletterei der Welt) die erste Wiederholung abzuringen. Der Grazer Thomas Hrovat kletterte in Amerika mit EB´s. „Something on the Apron" (5.11d) und „Perfect master" (5.12b) lagen ebenso am oberen Ende der Schwierigkeitsskala wie die „Bircheff Williams" (5.11d). Hias Leitner schaffte am Apron die Todesroute „Anchors away" (5.11a) und gemeinsam mit Sepp Lang die „5.12 er" Cats Squirrel und Roadside Attraction.
Zuhause auf der Fölzalm machte sich dieses kongeniale Duo auf der Nordseite zu schaffen. Der „Leobnerriss"(7+) auf der Schartenspitze und die „Krajnc-Keimel (7+) am Winkelkogelpfeiler wurden ein Opfer der PA`s und ihrer starken Finger. Abgelöst wurden die PA´s dann von einem Modell der französischen Waffenschmiede Paragot. Die Gebrüder Remy waren die Ersten, die mit solchem Schuhwerk in der alpinen Presse auftauchten. Ihre Fotos von den Granitplatten im schweizerischen Eldorado am Grimselpass erregten Aufsehen. Reinste Reibung. Die Schuhe mussten einfach gut sein. Als dann auch noch der Ötztaler Reinhard Schiestl bei der Erstbegehung der schwierigsten Dolomitenroute „Mephisto" (8-) am Heiligkreuzkofel dieses Modell mit weißer Sohle trug, war das Interesse hierzulande geweckt. Der Kapfenberger Hansi Schellnegger war einer der Ersten, den ich mit solchen Schuhen antraf. Hansi war der König der einarmigen Klimmzüge und machte zu besten Trainingszeiten 1600 Klimmzüge am Tag. Bei soviel Kraft ist es eigentlich egal welche Schuhe der nimmt, dachte ich mir im geheimen.
Auch Hias Leitner war alsbald mit solchem Schuhwerk unterwegs. Als Gegenoffensive warf Galibier den „Contact" auf den Markt. Der Schuh war für die damalige Zeit absolut futuristisch. Mit weit hochgezogenem Gummi sah er schon so aus wie die Boulderwaffen der heutigen Zeit. Ich fand ihn damals absolut scheußlich, ließ mich aber später doch zu einem Ankauf überreden. Heli Gausterer aus Graz trug den Contact. Ebenso wie Hansi Schellnegger war auch er ungemein stark und zog einarmige Klimmzüge. Robert Kerneza aus Kapfenberg kletterte mit diesen Schuhen schließlich als erster die Superrouten „Tagträumer" (9)und „Aids" (9/9+) an der Fischerwand. Mit Hias Leitner erschloss er die aalglatte Platte „Psychodelicat" (8) an der Hundswand. Die beiden waren auch auf der Fölzalm erfolgreich. Bei ihren freien Begehungen der Technohämmer „Loch Nord" (8+) an der Schartenspitze und „Winkelkogeldiretissima" (8+) am kleinen Winkelkogel trug jeder sein bevorzugtes Modell. Die Gruber Buben vertrauten ebenfalls der weißen Sohle. Mit dem Modell von Paragot kletterten sie die Superkombination „Dachltag"(7+) im Gesäuse. (Dachl NW-Wand im Aufstieg – danach kletterten sie die klassische Nordwand ab um dann am späten Nachmittag zur Dachlkomplizierten zu queren und über diese den Gipfel zu erreichen). Alles an einem Tag und alles Rotpunkt. Spät im Jahr 82 folgte schließlich die Erstbegehung von „Zickzack" (7) am kleinen Winkelkogel.
Mir waren die ganze Zeit über die Eb`s am liebsten. Folgerichtig sah ich auch keinen triftigen Grund zu einem Schuhwechsel.

Der ergab sich erst als an dem Schuh bis auf das blaue Leinen nichts mehr stimmte. Plötzlich passte gar nichts mehr zusammen und die Reibung war unter jeder Sau. Irgendetwas an der Produktion musste geändert worden sein. Die Eb´s waren definitiv Geschichte. Ich verkaufte mein letztes Paar wutentbrannt an den erstbesten Interessenten im südlichen Frankenjura. Die schlechte Reibung hatte mich an einer aalglatten Platte mit dem treffenden Namen „Eiertanz" verzweifeln lassen. Ein ums andere Mal rutschte ich aus den schmierigen, flachen Trittdellen und nahm Fahrt in Richtung Gebüsch am Wandfuss auf. Klaus Kolb aus Aflenz, mit dem ich diesen Trip unternahm, erging es auch nicht besser. Kaum hatten die Schuhe den Besitzer gewechselt, kam Wolfgang Güllich um die Ecke. Wofgang Güllich !!! – „the godfather of Rock himself". Wolfgang galt als der beste Kletterer der Welt. Und nun stand er vor mir. Leibhaftig. Auch jetzt, nach so vielen Jahren, muss ich sagen, dass er wohl einer der nettesten Menschen war, denen ich jemals begegnete. Nicht das geringste Anzeichen von Allüren! Es wurde ein wunderbarer Nachmittag und einer der Unvergesslichsten in meinem Klettererleben. (und das ohne Kletterschuhe! – offensichtlich wird denen wirklich zu viel Bedeutung beigemessen).
Wolfgang erzählte, dass er mit Sepp Lang und Hias Leitner befreundet sei. Von beiden hielt er große Stücke. Hatten sie doch im Yosemite Valley viel Zeit gemeinsam verbracht. Auf meine Frage, ob er der beste Kletterer der Welt wäre, blieb er bescheiden. Er habe, so erzählte er, vor kurzem einen jungen Briten kennengelernt. Jerry Moffat. Und von dem werde man sicher noch so einiges hören, meinte er. Kurz darauf tauchte Jerry in der Presse auf. Er flashte alles was ihm unter die Finger kam. Selbst Routen, die Wolfgang tagelanges Projektieren abverlangten. An seinen Füßen hatte er unscheinbare Wildlederpatschen mit einem Steinbock als Logo. Die Schuhe kamen aus Spanien! Wo doch jeder wusste, dass man dort gar nicht klettern kann….aber das....ist eine andere Geschichte
Trainiertier für Produktentwicklung gesucht!
Horsts Tagebuch - Carinthische Tage

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Sonntag, 04. Dezember 2016
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