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Weissenstein

Beat Kammerlander fasste in sein Seil um den Körper während der Flugphase stabil zu halten und tauchte ab in die gnadenlos saugende Tiefe der Verdonschlucht. Ich erinnerte mich genau in dem Moment an dieses inspirierende Foto, als ich, an einem Dreifingerloch hängend bemerkte, dass auch mir im nächsten Augenblick eine Talfahrt bevorstehen würde. Also griff ich, ebenso wie Beat, knapp über dem Anseilknoten in den Strick. Mein Kumpel sah meine Handbewegung, vermutete, ich würde den nächsten Bolt klinken und gab ordentlich Seil aus. Ich sprang.

Mit dem Fuß touchierte ich noch die Schulter meines Partners, bevor ich nach unerwartet langer Luftfahrt mit den Schuhsohlen zwanzig Zentimeter über dem Boden zum Stillstand kam.

Entgeistert schauten wir einander an. „Alter-was machst du denn?"

Es war Mitte der achtziger Jahre. Am Weissenstein im Bärenschütztal. Und ich war soeben aus dem „Heudach" geflogen. Der Felsen ist mittlerweile völlig in Vergessenheit geraten. Im aktuellen Führer über das Grazer Bergland wird er gar nicht mehr erwähnt. Die Kletterer heutzutage bemerken ihn bestenfalls noch aus dem Augenwinkel, wenn sie zur Weissen Wand hochschwarteln.

Dass der Weissenstein in der Geschichte des heimischen Sportkletterns einmal eine große Nummer war, wissen nur mehr die wenigsten. Allerhöchste Zeit also wieder einmal in den Erinnerungen zu kramen und den alten Freund wenigstens in Gedanken zu besuchen.

Es muss Frühling 1982 gewesen sein, als ich mich im ganz linken Bereich über den Felsen abseilte und versuchte dort im Toprope hochzuklettern. Mit Ernst und Roman Gruber hatte ich mich früher schon einmal über diesen Felsen unterhalten und während die beiden Brüder im Frankenjura kletterten, stellte ich zumindest einmal fest, dass es an diesem Überhang Griffe und Tritte gab, die ein Hochkommen erlaubten. Kaum waren die Jungs wieder zu Hause, schwatzte ich ihnen diese Neuigkeit auf.

Der Felsen bot Lochkletterei wie wir es im Grazer Bergland bis dahin noch nicht kannten und in Anlehnung an den berühmten Weissenstein in der Fränkischen, damals einer der bekanntesten Sportkletterfelsen der Welt, wurde auch unser unscheinbarer Felsen in der Bärenschütz Weissenstein genannt. Es war lange bevor die Arena oder auch die Weisse Wand für das Klettern entdeckt wurden.

Die Gebrüder Gruber jedoch machten sich unverzüglich daran das neuentdeckte Juwel zu erschließen. Per Hand bohrten sie innerhalb weniger Tage vier Routen ein. Per Hand hieß nicht nur schweinemäßig schweißtreibende Knochenarbeit im überhängenden Gelände. Per Hand hieß auch folgerichtig möglichst wenige Bolts. Dort wo es möglich war, wurden Sanduhrschlingen gefädelt. Der erste Haken steckte mörderisch hoch oben und mich kostete es jedes Mal ein gehöriges Maß an Überwindung dort hochzuklettern. Wenn man einmal vom Boden weggestiegen war, gab es kein Zurück mehr. Der letzte Zug zum Einhängegriff war bei mir mehr als einmal ein Glücksdynamo.

Dort, wo ich versuchte im Toprope hochzuklettern, entstand die „Zwangsneurose" (7-/7). Diese Route wurde in der Folgezeit das Testpiece für den Mixnitzer Kletternachwuchs. Lange Zeit verging kaum ein Wochenende an dem dieser Überhang nicht von den Jungs belagert wurde.

Neben Ratengrat, Kugelstein und Fischerwand wurde der Weissenstein eines DER Zentren des Sportkletterns im Grazer Bergland.

Rechts der Zwangsneurose wurde „by fair means" (8) erschlossen. Von dieser Route zweigt nach dem ersten Haken das „Heudach"(8-) rechterhand ab. Noch ein wenig weiter rechts bohrten die Gruberbuam „Alles oder Nichts" (8) ein. Die Route war die am grimmigsten abgesicherte und ich habe mich da nie hochgetraut. Ernstl kletterte sie Mitte der Achtziger Jahre free solo und wurde dabei von seinem Bruder fotografiert. Mit Sicherheit war diese Leistung ein Meilenstein des Solokletterns im Grazer Bergland. Viel später kam dann von Stefan Lieb die Route "Balu" im sechsten Grad ganz rechts dazu.

Ernst Gruber sanierte den Weissenstein vor einigen Jahren, fügte hier und da einen zusätzlichen Bohrhaken hinzu und ersetzte so manches Sanduhrschlingerl durch einen soliden Bolt  Auch stellte er fest, dass die Bewertung richtig old school ist und doch ein wenig nach oben korrigiert werden sollte.

Der Felsen verdient es wieder ein wenig in Mode zu kommen. Liegt er doch direkt am Zustiegsweg zur oftmals überlaufenen Weissen Wand.
Der Kletterer Hannes Arch. (22.09.1967 - 08.09.201...
The climbers Inn
 

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